27. November 2016

Was ich zum Tod von Castro noch sagen wollte

In den letzten Jahren vor meinem Abitur 1993, also in den ausgehenden achtziger Jahren, war die Welt brutal vom Ost-West-Denken geprägt. Dementsprechend gab es in unserer Klasse begeisterte Kommunistenfresser, die auch bei nichtpolitischen Themen stets versucht haben, das Böse im Osten überdeutlich sichtbar zu machen. Beliebtes Referatsthema der jungen USA-Freunde war zum Beispiel "die Umweltzerstörung durch sowjetische Kraftwerke". Da hätte man sich manchmal schon die Wikipedia herbeigewünscht, denn ein Blick auf die Zahlen macht heute schnell klar, dass die USA zu jeder Zeit in den Siebzigern und Achtzigern rund dreimal so viel CO2 ausgestoßen haben wie die UdSSR. Heute übrigens auch noch, aber egal.

Was das Ganze mit Castros Tod zu tun hat? Ganz einfach: Im Blätterwald und in den sozialen Medien ist die denkende und leider auch die weniger denkende Menschheit wie in den Achtzigern ja gerade mal wieder äußerst gespalten. Und da blühen auch die USA-Fanboys wieder auf, die in Star-Spangled-Bettwäsche ihre ersten feuchten Träume hatten. Nur mühsam können sie sich nun zurückhalten, nicht in lauten Jubel ob Castros Tod auszubrechen. Offiziell freuen sie sich ja primär deshalb, weil einer der "letzten großen totalitären Herrscher" von Bord gegangen ist.

Lassen wir mal beiseite, dass derzeit weltweit eine Renaissance des starken Mannes zu beobachten ist, geht es den jetzt so Erleichterten doch primär um eins: Jetzt wo Castro tot ist, muss doch auch endlich das sozialistische System dem Ende nah sein, das, verflixt noch eins, einen um den anderen US-Präsidenten überlebt hat. Der Tod Castros also als letztendliches Symbol des Sieges der quasi von Natur aus überlegenen westlichen Welt- und Wirtschaftsweisheit. Und spätestens da reißt mir dann doch die Hutschnur.

Ja, der Kapitalismus hat sich beginnend mit dem Ende der Sowjetunion weltweit durchgesetzt. Doch zu welchem Preis? Er hat sich buchstäblich zu Tode gesiegt: Die Schere zwischen Arm und Reich ist überall auf der Welt ins Unermessliche gesteigert, hat unvorstellbar hohe Gewinne privatisiert und bedrückende Verluste der Allgemeinheit aufgebürdet. Er hat dazu geführt, dass sich die Abgehängten über Wüsten und Meer hinweg aufmachen, um an unserem relativen Wohlstand teilzuhaben. Und dazu, dass der gesättigte Westen nichts Besseres zu tun hat, als reaktionäre Spinner ans Ruder zu wählen, die Mauern bauen und Minderheiten verfolgen wollen.

Linke Propaganda? Dann machen die auch Warren Buffet und der Papst. Und überhaupt: Globalisierungskritiker und Linke werden ja gerne als Gutmenschen bezeichnet. Die wahren Künstler, sich die Welt schön zu reden, sind für mich aber diejenigen, die seit Jahrzehnten dem Kapitalismus die Stange halten. Der Kapitalismus hat in den Neunzigern gesiegt? Mit tollen Ergebnissen, wenn ich mir die globale Lage heute so anschaue, die mich so hoffnungsfroh wie selten stimmt. Ja, da brauchen wir unbedingt noch mehr davon, vom Kapitalismus. Ironie aus.

Aber über das gebeutelte Kuba frohlocken, das, nebenbei bemerkt, auch nach jahrzehntelangem Embargo immer noch deutlich besser dasteht als die meisten seiner mittelamerikanischen Nachbarn. Vielfach ist ja derzeit zu lesen, dass sich die Demokratie gerade selbst abschafft. Der Sozialismus wurde besiegt, die Demokratie schafft sich gerade selber ab – und der Kapitalismus steht daneben und klatscht. Manchmal kann ich gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mit deinem Statement machst du genau den selben Fehler wie die "US-Fanboys", wie du sie bezeichnest. Der Untergang des real existierenden Sozialismus beweist nach deinen Ausführungen nicht, dass der Kapitalismus (moralisch) überlegen ist. Im Gegenzug ist es aber genau so, dass, falls der Kapitalismus "böse" ist, der Sozialismus nicht automatisch die bessere Alternative ist, sie kann trotzdem noch wesentlich schlechter sein als der Kapitalismus. Dazu kommt, dass es ja nicht nur um das Wirtschaftssystem geht, Fidel Castro hat sich tatsächlich sehr schnell zu einem widerlichen Despoten entwickelt. Von der ursprünglichen Idee der Befreiung ist nach kurzer Zeit nicht mehr viel übrig geblieben. Auch ist die angeblich so unglaublich gute medizinische Versorgung in Cuba schon seit längerem auch nur mehr auf dem Papier vorhanden. Die traurige Realität sieht auch in Cuba so aus, dass man nur gut behandelt wird, wenn man es in harter Währung bezahlen kann.

Abgesehen davon, sieh dir mal global die Entwicklung von Lebenserwartung, Kindersterblichkeit, Alphabetisierungsrate, Anteil der Ärmsten etc. seit Anfang der Neunziger an, da kann man schon feststellen, dass sich unglaublich etwas getan hat. Im Kapitalismus ist sicher bei weitem nicht alles Gold, was glänzt und dass es gilt, stetig an der (globalen) Gerechtigkeit zu arbeiten, wird niemand ernstlich bestreiten, aber die Erfolge des "Kapitalismus" (wenn es den überhaupt so monolithisch gedacht gibt) sind tatsächlich nicht zu leugnen.
Beste Grüße, Marc

Lars Nitsch hat gesagt…

Dass Kommunismus / Sozialismus nach kubanischem Vorbild das bessere System wäre, will ich gar nicht behaupten. Mir geht es primär darum aufzuzeigen, dass gewisse Elemente des Kapitalismus systemimmanent sind und Versuche, "an der (globalen) Gerechtigkeit zu arbeiten" meiner Meinung nach derzeit nicht weit führen. Es mag ja durchaus sein, dass es dem Durchschnittsweltenbürger heute besser geht als vor 20 Jahren, das Problem ist aber doch, dass viele Menschen eben nicht den Eindruck haben, dass es vorangeht. Und dies seltsamerweise nicht (auch) im Kapitalismus begründet sehen, sondern lieber die Demokratie in Frage stellen und sich einen autoritären Herrscher wählen.

Was ist denn da die Antwort des Kapitalismus? Passt schon, solange der Rubel rollt? Fürs politische System können wir auch nichts? Mir persönlich geht (als Politologen) einfach zusehends der Glaube daran verloren, dass wir durch vorsichtiges Drehen an den Stellschrauben den Kapitalismus in den Begriff bekommen. Und da hat mich einfach aufgeregt, dass die Herren Marktwirschaftler frei von der Leber über den Tod Castros ätzen und dabei total ausblenden, was in der globalisierten, kapitalistischen Welt so abläuft.