29. Dezember 2015

Leben im Nichts: Rezension von Heinz Helles "Eigentlich müssten wir tanzen"

Also eins gleich vornweg: Im Kopf von Heinz Helle möchte ich nicht stecken. War schon sein gefeiertes Erstlingswerk (genau, irgendwas mit Kerosin) zumindest in weiten Teilen äußert depressiv angehaucht, zeichnet sich sein zweiter kurzer Roman durch eine noch größere Hoffnungslosigkeit aus. Als eine Männerrunde vom Wochenende auf der Skihütte ins Tal zurückkehrt, ist das Land zerstört und die Menschen tot. Und der Gruppe können wir nun im Verlauf bei der Selbstauflösung und dem Verlieren des Menschseins zusehen. Allein vom Setting her erinnert das Buch natürlich an 'The Road' von Cormac McCarthy, auch wenn der leichte Hoffnungsschimmer, den McCarthy am Ende seines Romans säht, bei Helle kaum zu finden ist.

Wobei es Helle auch gar nicht darum geht zu schildern, wie es zu der Katastrophe kam und wie es weitergehen könnte. Der Autor legt vielmehr Wert darauf zu zeigen, dass alles auf den Kopf gestellt ist, wenn die Bahnen der uns vertrauten Zivilisation verlassen werden - die Gruppenvergewaltigung gleich zu Beginn zeigt, wohin die Reise geht. Sprachlich ist Helle auch in seinem zweiten Buch noch eigen, wenn auch nicht ganz so absichtlich kompliziert wie im ersten. Was natürlich auch an der Thematik liegt - wenn die Protagonisten irgendwann zu sprechen aufhören, weil es nichts mehr zu bereden gibt, passt sich auch der Autor in seinem Schreibstil an.


Insgesamt dreht sich alles - und da sind wieder Ähnlichkeiten zu McCarthy - um die komplette Leere, um das Nichts, darum, dass alles Bedeutungslos ist außer Leben und Tod. Totale Reduktion, die sich auch darin zeigt, wenn Helle jedes Mitglied der Gruppe und sein früheres Leben in genau einem kurzen Kapitel beschreibt. Ziemlich meisterlich. Bin gespannt, was da noch kommt, und ob wir bei Helle auch mal ein paar Sonnenstrahlen sehen.

27. Dezember 2015

Hakenkreuzfahne in dünner Luft

Bin erst mit der Hälfte von "The Man in the High Castle" durch, erlaube mir aber trotzdem schon mal ein Resümee: Amazon hat sich hier sicherlich den am besten verfilmbaren Roman von Philip K. Dick herausgesucht, bieten die USA im Nazigewand doch allein PR-mäßig eine äußerst plakative Kulisse. Dahinter verbirgt sich jedoch eine eher mäßige Umsetzung, die vor allem durch künstliche Längen und überzeichnete Charaktere zu punkten versucht. Die Dialoge hingegen sind erschreckend flach und die filmische Umsetzung kommt in keinster Weise auch nur annähernd an die famose Doppeldeutigkeit des Romans heran. Die Metaebene verpufft auf dem Bildschirm leider völlig. Schade, bei diesem grandiosen Buch. Wenn auch keine Buchverfilmung, macht es die erste Staffel von "Fargo" hier um Längen besser, mit Hilfe einfacher, aber tiefgründiger Protagonisten, toller Dialoge und Geschichten in der Geschichte werden hier fast in jeder Folge Fragen gestellt, die auch nach dem Schauen noch lange beschäftigen.

14. Dezember 2015

Eine Woche mit dem OnePlus X

Achtung, es folgt Nerd-Kram, genauer gesagt ein kleiner Erfahrungsbericht zu meinem neuen Smartphone, dem OnePlus X. Bisher war ich ja relativ begeisterter Nutzer eines Nexus 4, nach drei Jahren musste dann doch mal etwas Neues her.

Insgesamt bin ich mit dem OnePlus X sehr zufrieden, trotzdem fange ich mal mit den negativen Punkten an, das geht schneller:
  • OK, es ist mein erstes AMOLED-Display, und so knackig die Farben und so unmittelbar das Display wirken, so übersteuert sind die Farbwerte. Gerade die Rot- und Grün-Werte gehen echt durch die Decke. Im normalen Betrieb ist das schon ok, aber Fotos anschauen hat was von Comic lesen.
  • Ebenso überdreht ist der Sound. Schon in der kleinsten Lautstärke dröhnt die Kiste dermaßen, dass man in geschlossenen Räumen (je nach Klingelton) eigentlich kaum neben dem Telefon sitzen kann. Und die Nutzung als Wecker ist mit dem Risiko einer Herzattacke verbunden.
  • So geil die Glas-Metall-Optik ist, so leicht flutsch das Gerät aus der Hand. Ich bin wirklich kein Grobmotoriker, aber das OnePlus X ohne Cover in jeder Situation sicher einhändig zu halten, ist keine einfache Sache. Ich nutze nun das mitgekaufte Sandstone-Cover, damit lässt sich das Ding zehnmal besser packen und bedienen. Aber natürlich geht das auf Kosten der Optik.
  • Nicht zuletzt hätte ich mir das Telefon noch einen Ticken kleiner gewünscht. Das Smartphone ist zwar nur 0,3 Zoll größer als das Nexus 4, aber die einhändige Bedienung nicht zu jeder Zeit möglich. Ich sage (als eher kleinhändiger Rechtshänder) nur Menü-Button oben links. Dazu kommt, dass das Display fast bis an den Rand geht und man gerade den Hardbutton unten rechts ständig mit dem Handballen auslöst. Das lässt sich mit Verwendung des Covers etwas abmildern.

Das war es dann aber auch an Negativem. OK, der Speicher ist eher knapp bemessen, aber da verschafft eine SD-Karte ja Abhilfe. Und dass sich induktives Laden erledigt hat, finde ich auch schade. Doch nun zu den positiven Punkten bzw. denen, die mir besonders gut gefallen haben:
  • Android-Implementierung: Traurig aber wahr, aber OnePlus schafft es, Android stabiler zu implementieren als Google bei seinen Nexus-Geräten. Ich habe drei Nexus-Geräte daheim und weiß, wovon ich spreche. Ich hoffe, dass das Smartphone auch nach dem Update auf Android 6 noch so stabil läuft. Die wenigen Erweiterungen, die OnePlus durch Oxygen aufspielt, sind durchaus gelungen. Besonders das Ambient Display und Tap-to-Wake gefallen mit gut. Für verzichtbar halte ich SwiftKey, dafür hätte ich mir eine alternative Galerie gewünscht. Aber da kann man ja noch schrauben.
  • Performance & Akku: "Alter" Prozessor hin oder her, das OnePlus X ist schnell und es macht Spaß, damit im täglichen Betrieb zu arbeiten. Und zum normalen Betrieb rechne ich jetzt keine High-End-3D-Games. Und das beste: So wie sich das abzeichnet, hält der Akku deutlich länger als beim Nexus 4, sprich, je nach Nutzung muss das Xer nicht jeden Abend an die Steckdose. Gerade wenn das Smartphone im Standby ist, hält der Akku sehr ordentlich. Beim Nexus 4 war der Akku Abends auch leer, wenn es den Tag über unbenutzt auf dem Schreibtisch lag.
  • Optik: Dass die toll ist, war neben dem eher unberührten Android wohl mein Hauptgrund zum Kauf. Sieht einfach edel aus und nicht so 08/15 wie die meisten Smartphones. Wie oben geschrieben geht das halt leider ziemlich auf Kosten des Handlings
  • Dies und das: Die Screenshot-Funktion finde ich sehr gut gelöst, der Schieberegler ist auch recht praktisch. Nice to have ist auch das integrierte Radio.
Fazit: Für den Preis (270 Euro) eine äußerst gelungene Neuanschaffung, behalten vom Nexus 4 hätte ich gern das farbechtere Display und die kompaktere Größe. Aber sonst: Well done, OnePlus!

11. August 2015

Umverteilen für Anfänger

Während beim sogenannten Kita-Streik, den Tarifverhandlungen im Sozial- und Erziehungsdienst, derzeit eine klassische, gewerkschaftlich organisierte Umverteilung öffentlicher Gelder zugunsten einer Berufsgruppe stattfindet, geben sich in Berlin die Lobbyisten die Klinke in die Hand, wenn es darum geht, privates Vermögen auch ja in privater Hand zu halten. Genau, ich spreche von der Reform der Erbschaftsteuer. Das Verfassungsgericht hatte sich hier ja insbesondere bei der Weitergabe von Firmenvermögen für eine gerechtere Regelung, sprich eine höhere Besteuerung, ausgesprochen. Nur kurz ein paar Zahlen: 2013 wurden rund 250 Milliarden (!) vererbt. Einnahmen Erbschaftssteuer: Keine 5 Milliarden, also rund 2 Prozent (!!). Von ein paar Prozent mehr könnte man verdammt viele Erzieherinnen bezahlen. Im Moment sieht es aber stark danach aus, dass die, die viel haben, auch in Zukunft nur wenig davon abgeben werden und die, die wenig haben (dazu rechne ich im übrigen auch die kommunalen Arbeitgeber), sich mit dem Rest des Habenichtse um die Brotkrumen streiten dürfen, die vom Tisch der Besitzenden fallen. Oder um Warren Buffet, den drittreichsten Mann der Erde zu zitieren: "Es herrscht Klassenkampf, und meine Klasse gewinnt." Und daran wird sich nicht viel ändern, auch wenn die Erzieherinnen am Ende mit 10 Prozent mehr Lohn aus dem Streik gehen.

Zum Thema "Wer regiert die Welt" gibt es derzeit auch noch ein sehr lesenswertes Interview mit dem Schweizer Soziologen und Globalisierungskritiker Jean Ziegler.

12. Januar 2015

6367 Seiten


Für mehr als 20 Bücher hat es 2014 leider nicht gereicht. Aber immerhin. Vom Gefallen her war alles eher solides Mittelmaß, keine allzu großen Ausreißer nach oben und unten. Am besten fand ich drei Bücher, die alle irgendwie mit dem Heranwachsen und Erinnerungen an diese Zeit zusammenhängen:
  • Katzentisch von Michael Ondaatje: Nostalgischer Rückblick auf eine Seereise von Ceylon nach England in den Fünfzigern, nicht nur für Schiffsbegeisterte.
  • Die Wespenfabrik von Ian M. Banks: Sehr schräge, gruselige, oft abstoßende und trotzdem packende Schilderung eines jungen Sonderlings.
  • Das Böse kommt auf leisen Sohlen von Ray Bradbury: Neben Klassikern der Science Fiction gelang dem Autor auch ein wortgewaltiger Coming of Age-Roman mit übernatürlichem Hintergrund.

9. Januar 2015

Neulich im Heimkino - Teil IV

Auch wenn bei uns daheim dank Glasfaser, Amazon Prime und Netflix immer mehr gestreamt wird – am liebsten schiebe ich immer noch eine BluRay in den Player. Das waren in den letzten Monaten unter anderem

Grand Budapest Hotel
Wie sagte meine Gefährtin doch so schön: Nur in einem Wes Anderson-Film reden, gucken und bewegen sich die Darsteller auf diese ganz spezielle Art. Tolle Bilder, klasse Kostüme, irre Kameraeinstellungen und eine illustre Riege von 1A-Schauspielern mit viel Spaß an der Arbeit machen diesen Streifen zu etwas ganz Besonderem. Leichte Verwirrung aufgrund des üppigen Personals und manchmal fast zu ausgefeilter Dialoge gibt es gratis dazu. Recht kurz und knapp aber sehr gelungen sind die Specials wie Bill Murrays Mini-Führung durch Görlitz.

The Wolf of Wall Street
An diesem Film scheiden sich ja die Geister. Manche meinen, die Maßlosigkeit sei übertrieben dargestellt. Das finde ich nicht - sogar in Deutschland gab es Scharlatane, die den Kunden das Geld aus der Tasche gezogen haben und hedonistisch gefeiert haben, als gäbe es kein Morgen. Andere sagen, die dargestellten Orgien seien zu langatmig. Dem stimme ich teilweise zu, das hätte man etwas straffen können. Der wohl schwerste Vorwurf lautet, dass der Streifen die Abzocker-Mentalität verherrlichen würde. Auch das finde ich - gerade in Anbetracht des Endes - nicht unbedingt. Allerdings zeigt die Produktion halt einfach, worum es in unserer Gesellschaft hauptsächlich geht: Geld und Status.

Finsterworld
Insgesamt sehr ungewöhnlicher Streifen mit teilweise etwas gestelzten Dialogen, bedingt wohl durch die Übernahme ganzer Passagen aus dem gleichnamigen Roman. Mich hat der Film mit einem unguten Gefühl in der Magengegend hinterlassen. Hier gewinnen nicht die Guten und die Welt ist alles andere als ideal und heil. Aber ich vermute, genau das wollte Regisseurin Frauke Finsterwalder zeigen. Gelungenes Experiment - wer allerdings auf Mainstream steht, sollte einen großen Bogen um diese Scheibe machen.

Blue Jasmine
Einer der besten Woody-Filme der letzten Jahre. Sowohl was die Story, als auch was die Darsteller betrifft. Der Oscar 2013 für Cate Blanchett war absolut berechtigt, so perfekt und mit viel Mut zur Hässlichkeit spielt die Mimin eine zerbrochene, in ihren Zwängen gefangene Frau. In Zwängen sind eigentlich alle Figuren gefangen und Männer kommen insgesamt nicht wirklich gut weg. Sehr gefallen hat mir auch die Tatsache, dass Allen trotz aller Tragik auf einen Big Bang am Ende verzichtet und das Leben einfach so (aufgesplittert) zeigt, wie es eben ist. Und dabei trotz aller Schwierigkeiten nie den Blick für Ironie und schöne Szenenbilder verliert. Klasse.

The Counselor
Ein sehr interessanter Film mit vielen tollen Momenten, leider aber auch ein paar unrunden Elementen. Auf der Haben-Seite haben wir ein tolles Drehbuch mit teils philosophischen Dialogen. Hier merkt man, dass Bestseller-Autor Cormac McCarthy die Feder geschwungen hat. Toll natürlich auch die Darsteller-Riege, gerade Javier Bardem als durchgeknallter Lebemann hat mir wahnsinnig gut gefallen. Nicht so prickelnd fand ich hingegen Michael Fassbender, der den Großteil des Films damit verbringt, dämlich zu grinsen und erst am Schluss zeigt, dass er auch etwas anderes kann. Trotzdem hätte ich mir hier einen anderen Hauptdarsteller gewünscht. Was mich auch etwas ratlos hinterließ, waren die vielen Dialoge über Sex. Hier war mir der Sinn nicht so ganz klar - vielleicht Sex als Symbol des Lebens im Hier und Jetzt, während auf mittelfristige Sicht sonst nur der Tod wartet? Wie eingangs gesagt, sehr interessant, sehr düster, aber, um beim Film zu bleiben, eben auch unperfekt wie die meisten Diamanten.

Only God Forgives
Von Winding Refn habe ich zuvor 'Walhalla Rising' und 'Drive' gesehen. Letzterer hat mich richtig begeistert, der erstgenannte eher ratlos hinterlassen. Ein bisschen vereinfacht könnte man sagen, dass 'Only god forgives' fantastisch gedrehte Bilder a la Drive mit unerklärten und ausufernden Gewaltorgien wie in Walhalla Rising kombiniert. Leuten, die den ganzen Film Gelaber und eine bis ins Detail erklärte Geschichte brauchen, sollten von dieser Scheibe eher Abstand nehmen. Und klar, Ryan Gosling schaut fast immer gleich aus der Wäsche. Das ist meiner Ansicht aber halt auch der Plan des Regisseurs - der Protagonist definiert sich allein durch seine Taten und lässt eben nicht schon von der Mimik her in sein Innerstes blicken. Kein schlechter Film, der aber ganz klar mehr in Richtung Arthouse geht und nicht in Richtung seichte Action-Kost. Sprich: Kein gefälliger Streifen, aber trotzdem ein interessanter.

7. Januar 2015

Reise nach Metropolinsk

Letzte Nacht träumte ich, ich wäre in Metropolinsk. Die Stadt war ein russisches Strandbad, das seine besten Tage schon sehr lange hinter sich hatte. Sie lag an einem Eismeer. Aber es musste wohl Sommer sein, denn die Brise war zwar frisch, aber nicht so frisch, dass es mir unangenehm gewesen wäre, nur mit einem leichten Hemd bekleidet im Wind zu stehen und auf das Meer zu blicken. Das Hotel, in dem ich wohnte, hatte alte, aber abgeblätterte Größe und wurde nur noch von wenigen, vornehmlich älteren Reisenden gebucht. Ich war allein unterwegs, und es war kein Urlaub sondern ein selbst gewähltes Exil, um mich lernend auf eine Prüfung vorzubereiten. Eine Prüfung, die ich im Traum immer und immer wieder bestehen muss, und wenn ich sie nicht meistere, wird mir alles genommen, was ich habe. Die Brüstungen der Balkone waren verrostet und die Schriftzeichen auf den Schildern waren mir fremd. Im Cafe des Hotels gab es Speiseeis, doch nie sah ich jemanden mit einer Eiswaffel in der Hand. Am Ende eines großen Kontinents gelegen, musste alles, was es vor Ort gab, mit dem Flugzeug eingeflogen werden. Ich hegte den Verdacht, dass das Speiseeis schon so alt war wie das Hotel selbst. Der Traum verschwamm immer mehr. Ich stand mit einer alten Frau auf dem Dach des Hauses. Sie erklärte mir, dass es nichts gesünderes gäbe, als nackt im eiskalten Meerwasser zu baden. Der Himmel war nicht eintönig grau, sondern voll von zerfetzten Wolken. Durch die Lücken schien die Sonne golden auf das alte Gebäude. Nachdem ich erwacht war, schlug ich Metropolinsk nach. Den Ort scheint es nicht zu geben, obwohl ich ihn im Traum klar und deutlich auf einer Karte verzeichnet sah.