20. September 2013

"Sand" von Wolfgang Herrndorf – Keine Hoffnung am Horizont

Um das Wichtigste gleich zu Beginn zu sagen: ein ganz, ganz großer Roman, mit das beste, was in den letzten Jahren von deutschen Autoren gekommen ist. Allerdings definitiv keine leichte Kost und nur schwer in eine Kategorie zu pressen. Vordergründig läuft hier eine Agentengeschichte, eigentlich aber geht es um Sinnlosigkeit des Daseins, Bedeutungslosigkeit, Identitätsverlust und um stetiges Bemühen, das letztendlich nur in völligem Scheitern mündet. Harter Tobak, der durch eine tolle Sprache, gelungene, nicht übertriebene Metapher und vor allem viel schwarzen Humor und rasante Dialoge vom Autor hervorragend lesbar und erfahrbar gemacht wird.

Die Hauptfigur Carl ist die Essenz des Romans – mit Gedächtnisverlust in der Wüste aufgegabelt, versucht er die ganze Zeit hinweg, mehr über seine Existenz zu erfahren, was ihm jedoch nie gelingt. Stattdessen wird er als Spielball fremder Interessen hin- und her geworfen, stolpert von einem Fiasko ins nächste, gerät an alte und neue Feinde und löst keine Verstrickungen, sondern spinnt nur neue, leidet, kämpft, fällt, ist ein Getriebener zu einem ihm unbekannten, wahrscheinlich hoffnungslosen Ziel. Ja, lebensbejahend ist das Buch nicht wirklich und es lässt sich darüber spekulieren, ob die Krankheit Herrndorfs hier schon ihren Niederschlag fand.

Zweiter Protagonist des Buchs ist die Wüste – die große, leere, heiße, staubige Wüste, eine gnadenlose Sonne und mitleidlose Sterne, die ohne Rührung auf die umhertaumelnden Gestalten am Boden herabblicken. In seiner hitzeverschwommenen Intensität hat mich der Roman etwas an "Himmel über der Wüste" von Paul Bowles erinnert. Ich kann an "Sand" kaum einen Makel entdecken, außer vielleicht der eine oder andere Nebenstrang, der minimal zu detailliert geflochten wurde. Auch die ersten 80 Seiten gestalten sich zunächst etwas zäh, geben meiner Meinung nach aber einen passenden Rahmen zu dem Bild ab, das im Folgenden gezeichnet wird. Lesen, lesen, lesen - ein großes Vermächtnis.