22. August 2013

Neulich im Heimkino - Teil III

Die Schwalben sind schon gen Süden gezogen, die Tage werden kürzer, die Abende dunkler. Der BluRay-Player bekommt wieder mehr Futter.

Drive
Wow. Was für ein Film. Schon beim Intro treibt es wohl jedem Miami Vice-Fan vor Freude Tränen in die Augen - die Mischung aus fesselnder Synthie Pop-Hymne, der Nachtfahrt durch eine glitzernde US-Großstadt und dem quietschpinken Titelschriftzug lässt die Achtziger zumindest bildlich wieder auferstehen. Gequatscht wird in "Drive" allerdings nicht so viel wie in Miami Vice, und so hat Ryan Gosling oft die Chance, durch abwechslungsreiches Mienenspiel zu glänzen. Auch die Nebendarsteller machen einen tollen Job, Serienfans werden das eine oder andere bekannte Gesicht erkennen. Streiten kann man sicher über die seltenen, aber dann ausufernden Gewaltszenen. Ich bin da eigentlich recht kritisch - wenn es aber einen Film gibt, in dem die drastisch gezeigte Gewalt stimmig zum Gesamtbild passt, dann ist es Drive. Allein die Szene im Aufzug, als der Stuntfahrer erst zärtlich seine Nachbarin küsst, um dann brutalst einen Gegenspieler auszuradieren, hat es wirklich in sich. Hier wurde auf jeden Fall ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

Außer Atem
"Außer Atem" gilt als Meilenstein der Nouvelle Vague. Mit Meilensteinen ist es allerdings so eine Sache - oft stehen sie verwittert am Straßenrand und man fragt sich, für was es die Dinger eigentlich einmal gebraucht hat. So ähnlich ging es mir auch hier, der 1960 sicher etwas ganz besonderes war, heute sowohl aufgrund seiner Machart als auch seines Inhalts nur schwer über die ganze Länge fesseln kann. Gerade die beiden Hauptfiguren haben mich etwas ratlos hinterlassen: Jean-Paul Belmondos Charakter will eigentlich nur seiner Filmpartnerin an die Wäsche, die jedoch lieber über existentialistische Fragen  diskutieren möchte und ihn erst dann richtig sexy findet, als sie erfährt, dass er ein gesuchter Polizistenmörder ist. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Revolutionäre Schnitt-Technik und Kameraführung hin oder her, insgesamt hat mich der Streifen nicht vom Hocker gehauen. Fast interessanter fand ich da die beiliegende Dokumentation, in der mehr oder weniger bekannte amerikanische Regisseure den Einfluss Godards auf ihr Werk erklären.

Shanghai
Filme mit Städtenamen sind ja immer so eine Sache. Während "Casablanca" zurecht als der Klassiker im Genre "(Kriegs)Wirren treffen auf Liebesgeschichte" gilt und selbst Remakes wie "Havanna" durchaus gefallen, bleibt "Shanghai" hier deutlich zurück und kann seinen Vorbildern meiner Meinung nach nicht das Wasser reichen. Gut gefallen haben mir zwar die stimmungsvollen Einstellungen und Kamerafahrten sowie die Leistungen der meisten Schauspieler. Auch dass fast alle Charaktere nicht stereotyp in gut und böse unterteilt sind, fand ich interessant. Recht zwanghaft erschien mir allerdings, dass die Drehbuchschreiber hinter wirklich jeder Mann-Frau-Beziehung eine Geschichte aus Liebe und Verrat sehen. Das wirkte für mich etwas aufgesetzt und raubt der Produktion nach meinem Empfinden etwas die (emotionale) Glaubhaftigkeit, obschon wohl gerade das Gegenteil beabsichtigt war. Schöne Kulisse, gute Darsteller, akzeptable Story. Nicht mehr, nicht weniger. Schön, mal wieder John Cusack in Aktion zu sehen.

2. August 2013

"Die gefährliche Frau" von Thommie Bayer – Mal kein Musiker oder Autor als Protagonist

Nicht ganz so heiter – wie schon in "Das Aquarium" schlägt Thommie Bayer in "Die gefährliche Frau" auch düstere Töne an, wenn es um die Vergangenheit der Protagonistin geht. Ja, richtig gehört, der Autor schreibt diesmal in Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau. Keiner gewöhnlichen Frau, sondern einer Dame, die gewerbsmäßig Ehemänner verführt, um deren Gattinnen den Verdacht der Untreue zu bestätigen. Den Sichtwechsel würde ich als gelungen bezeichnen und Bayern nutzt den kritischen Blick ordentlich dazu, über die "Geschlechtsgenossinen" abzulästern. Eine Abrechnung, die man einer männlichen Hauptfigur zuweilen wohl als machohaft oder zumindest als beleidige Leberwurst auslegen würde.

Wie alle von mir bisher gelesenen Bayer-Romane ist auch dieses Buch eine gelungene Mischung aus Freude am geschriebenen und gesprochenen Dialog, und wieder einmal dreht sich alles um die Liebe mit all ihren wunderbaren Momenten und ihren tiefen Abgründen. Den Inhalt des Romans an dieser Stelle zu bewerten, fällt mir aus Angst vor Spoilern schwer - wie so oft hat sich Bayer auch diesmal ein überraschendes Ende ausgedacht, dreht meiner Meinung nach am Schluss aber mal wieder eine Pirouette zuviel. Irgendwie versucht er sich da immer selbst zu übertreffen, dadurch wirkt es für mich aber leicht konstruiert. Trotzdem, ein sehr gutes Buch, das man fast in einem Rutsch durchlesen kann.