18. Juni 2013

Was mich aufregt (Teil 2)

  • Der Grill-Wahn. Ich esse ab und an wirklich gern ein gutes Stück Fleisch und das Anfächeln der glühenden Kohle kann mir durchaus Freude bereiten. Was mich jedoch brutal nervt ist dieser mitläuferische Pavlow-Reflex, nach dem an den ersten Sommertagen jeder Freizeit-Hillbilly den Outdoor-Ofen aus dem Keller holt und die einzig sinnvolle Beschäftigung an einem warmen Wochenende zu sein scheint, pfundweise Fleischbatzen auf den Rost zu schmeißen. Hallo Männer? Man kann einen Juni-Mittag/Abend auch anders als beim Fressen verbringen? Wie wäre es mal mit Wandern oder Radfahren? Schwimmen gehen? Von mir aus auch nur hübschen Sommerkleidern nachschauen oder Rotwein trinken? Aber muss es denn immer gleich so archaisch sein? Und Frauen, findet ihr das wirklich toll? Das Kind im Manne mag ja vielleicht ganz amüsant sein, aber gilt das auch für den Neandertaler im Manne? Silke Burmester von der SPON-Kolumne sieht das anscheinend so – eigentlich genau das was mich aufregt, aber gut geschrieben.
  • Immer auf die Schwachen. Dass dicke Autos das Recht auf Vorfahrt gepachtet haben, wissen wir ja schon lange. Dann man Radfahrer umholzen darf und diese dann teilweise selbst für die Kosten ihrer Verletzungen aufkommen müssen, ist hingegen recht neu. Vorreiter dieser bahnbrechenden Rechtsauslegung ist das schleswig-holsteinischen Oberlandesgericht, das einer Radfahrerin Mitschuld bei einem Unfall (und damit Mitzahlen für Arzt und Reha) zugewiesen hat, weil sie keinen Helm trug, als ihr ein Autofahrer die Tür ins Gesicht geklatscht hat. "Hoppla, ich hab dich mit meinem dicken SUV beim Abbiegen übersehen? Na hättest du mal mal lieber Helm und Schutzanzug getragen, dann würdest du jetzt noch leben und deine Erben müssten mir nicht die Neulackierung zahlen". Da passt die Mini-Fahrerin ins Bild, die mir neulich erbost in der Fahrradstraße (!) "Typisch, immer diese Radfahrer" entgegenschleuderte, weil ich mich erdreistet hatte, sie bei ihrem Einparkmanöver samt U-Turn zu unterbrechen. Warum das Urteil Blödsinn ist, kann man ausformulierter auch gut im ZEIT-Blog nachlesen.
  • Schlechte Literatur. Mich freut ja, wenn nicht zuletzt durch schicke eBook-Reader wieder mehr Leute zum Buch greifen. Was mich ärgert ist, dass es leider genau wie im Fernsehen unglaublich viel Schrott gibt – ob das nun Sado-Maso-Hausfrauenerlebnisse, der 378. schmalzig-düstere Vampirroman oder der stilistisch unsagbare Thriller ist, bei dem die Innovationsfreude des Autors sich allein darin zeigt, welches innere Organ der Psycho-Mörder seinem Opfer als erstes bei lebendigen Leib herausreißt und als Hinweis für den Ermittler an das nächste Halteverbots-Schild nagelt. Gottseidank gibt es ja die Möglichkeit, (online) vorher mal in ein Buch reinzuschauen, und da sträuben sich mir bei so manchem Bestseller schon nach zwei Seiten die Nackenhaare. Die Demokratisierung des Schreibens ist ja eine feine Sache – Schreiben kann deshalb trotzdem noch lange nicht jeder. Ich weiß, das wurde schon oft gesagt. Aber eben noch nicht von mir.

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