30. Juni 2013

Hungerstreik? Aber doch bitte nicht hier!

Dass sich mitten in München rund 50 Asylbewerber aus Protest gegen die Unmenschlichkeit des Antragsverfahrens zu Tode hungern wollten, war für die Mehrheit der Münchner primär ein ästhetisches Problem. Ein Lager mit darbenden Menschen mitten in der Weltstadt mit Herz, und das, wo wir ein paar Kilometer entfernt mit dem Tollwood doch ein prima Multikulti-Festival feiern – pfui, das wollen wir hier nicht haben. Der Schuldige war schnell ausgemacht: ein kommunistischer „Rädelsführer“ aus dem Iran, der mit dem Hungerstreik unseren wohlwollenden Staat erpresst. Der reiche deutsche Staat, erpresst von armen Asylbewerbern – eine fast schon komische Sichtweise, wenn es denn nicht so traurig wäre. Ein Gemeinwesen wird erpresst, das von rund 40.000 Flüchtlingen pro Jahr nicht einmal einem Viertel das Bleiberecht gewährt, eine EU, die die Verlierer des globalen Wettbewerbs lieber auf dem Mittelmeer ersaufen lässt, als sie aufzunehmen – kann sich ein normal denkender Mensch ernsthaft die Frage stellen, wer hier am längeren Hebel sitzt?

Der Hungerstreik von München war zugegebenermaßen provokativ: Maximale Forderungen für maximale Öffentlichkeit. Damit tat sich die Politik schwer, denn Selbstmord steht nicht unter Strafe, zieht die Presse jedoch an wie das Licht die Motten. Eines war bei dieser Eskalationsstufe nicht mehr möglich: wegsehen. Denn das würden Politik und brave Bürger nur allzu gerne tun. Die Kommentare unter anderem bei Focus online, die den Organisator am liebsten im Knast sähen und die Hungerstreikenden schnellstmöglich ausgewiesen, gehören noch zu den harmloseren ihrer Sorte. Am liebsten wäre vielen Reaktionären wohl die Methode „Knüppel aus dem Sack“. Wie schwer sich die Politik mit dem Protest der Hungerstreikenden tat, zeigt auch die Räumung des Lagers an einem sonntäglichen Frühmorgen, an dem sich selbst die engagiertesten Journalisten gerade noch einmal im Bett umgedreht und Facebook-Enthusiasten gerade die Partybilder der letzten Nacht gepostet haben.

Was bei der öffentlichen Erregung leider wieder einmal zu kurz kommt, ist das Schicksal der Asylbewerber. Wir haben es hier nicht mit Menschen zu tun, die nach Deutschland geflüchtet sind, um sich vom Staat ein Zweit-SUV oder ein Dritt-Smartphone finanzieren zu lassen, sondern die oft mit nichts anderem hier angekommen sind als ihren Klamotten am Leib. Und die sich dann durch quälend lange Verfahren schleppen müssen, untergebracht in prekären Verhältnissen, durch das Arbeitsverbot zum Nichtstun verdammt. Deren Großteil dann am Ende dieses Weges ins Flugzeug gesetzt und abgeschoben wird. Durch die extreme Maßnahme dieses Hungerstreiks sahen sich Politik und Deutsche gezwungen, Farbe zu bekennen. Zu entscheiden, ob wir den Verlierern der Welt helfen oder ihnen mit den Worten „Haut doch ab!“ in den Arsch treten wollen. Wer zu den Humanisten und wer zu den Arschtretern gehört, hat sich in den letzten Tagen deutlich gezeigt. Allein das war der Hungerstreik wert.

18. Juni 2013

Was mich aufregt (Teil 2)

  • Der Grill-Wahn. Ich esse ab und an wirklich gern ein gutes Stück Fleisch und das Anfächeln der glühenden Kohle kann mir durchaus Freude bereiten. Was mich jedoch brutal nervt ist dieser mitläuferische Pavlow-Reflex, nach dem an den ersten Sommertagen jeder Freizeit-Hillbilly den Outdoor-Ofen aus dem Keller holt und die einzig sinnvolle Beschäftigung an einem warmen Wochenende zu sein scheint, pfundweise Fleischbatzen auf den Rost zu schmeißen. Hallo Männer? Man kann einen Juni-Mittag/Abend auch anders als beim Fressen verbringen? Wie wäre es mal mit Wandern oder Radfahren? Schwimmen gehen? Von mir aus auch nur hübschen Sommerkleidern nachschauen oder Rotwein trinken? Aber muss es denn immer gleich so archaisch sein? Und Frauen, findet ihr das wirklich toll? Das Kind im Manne mag ja vielleicht ganz amüsant sein, aber gilt das auch für den Neandertaler im Manne? Silke Burmester von der SPON-Kolumne sieht das anscheinend so – eigentlich genau das was mich aufregt, aber gut geschrieben.
  • Immer auf die Schwachen. Dass dicke Autos das Recht auf Vorfahrt gepachtet haben, wissen wir ja schon lange. Dann man Radfahrer umholzen darf und diese dann teilweise selbst für die Kosten ihrer Verletzungen aufkommen müssen, ist hingegen recht neu. Vorreiter dieser bahnbrechenden Rechtsauslegung ist das schleswig-holsteinischen Oberlandesgericht, das einer Radfahrerin Mitschuld bei einem Unfall (und damit Mitzahlen für Arzt und Reha) zugewiesen hat, weil sie keinen Helm trug, als ihr ein Autofahrer die Tür ins Gesicht geklatscht hat. "Hoppla, ich hab dich mit meinem dicken SUV beim Abbiegen übersehen? Na hättest du mal mal lieber Helm und Schutzanzug getragen, dann würdest du jetzt noch leben und deine Erben müssten mir nicht die Neulackierung zahlen". Da passt die Mini-Fahrerin ins Bild, die mir neulich erbost in der Fahrradstraße (!) "Typisch, immer diese Radfahrer" entgegenschleuderte, weil ich mich erdreistet hatte, sie bei ihrem Einparkmanöver samt U-Turn zu unterbrechen. Warum das Urteil Blödsinn ist, kann man ausformulierter auch gut im ZEIT-Blog nachlesen.
  • Schlechte Literatur. Mich freut ja, wenn nicht zuletzt durch schicke eBook-Reader wieder mehr Leute zum Buch greifen. Was mich ärgert ist, dass es leider genau wie im Fernsehen unglaublich viel Schrott gibt – ob das nun Sado-Maso-Hausfrauenerlebnisse, der 378. schmalzig-düstere Vampirroman oder der stilistisch unsagbare Thriller ist, bei dem die Innovationsfreude des Autors sich allein darin zeigt, welches innere Organ der Psycho-Mörder seinem Opfer als erstes bei lebendigen Leib herausreißt und als Hinweis für den Ermittler an das nächste Halteverbots-Schild nagelt. Gottseidank gibt es ja die Möglichkeit, (online) vorher mal in ein Buch reinzuschauen, und da sträuben sich mir bei so manchem Bestseller schon nach zwei Seiten die Nackenhaare. Die Demokratisierung des Schreibens ist ja eine feine Sache – Schreiben kann deshalb trotzdem noch lange nicht jeder. Ich weiß, das wurde schon oft gesagt. Aber eben noch nicht von mir.