7. Mai 2013

Die Nazi-Sau durchs Dorf treiben

Endlich ist in München außer CSU-Affären mal was geboten! Batterien von Satelliten-Übertragungswagen vor dem Oberlandesgericht, Demonstranten mit wehenden türkischen Fahnen, verzweifelte Bewahrer der Menschenwürde, die von Polizisten abgeführt werden, ein volksnah vermittelnder OB Ude, egozentrische Juristen und seltsam gescheitelte Verteidiger an allen Ecken und mittendrin eine schick gekleidete und dummdreist lächelnde Nazi-Braut, die anscheinend mehr Medieninteresse hervorruft als Angela Merkel und Cindy aus Marzahn zusammen. Was ist da los?

Vor allem eines: Die Medien wittern den großen Auflagebringer, denn semipassabel aussehende Frauen, kaltblütige Morde und ekliger Nazi-Dreck waren schon immer eine gute Mischung, um die Leute vor den Fernseher oder die Zeitung zu bringen. (Zurecht) erst großes Geschrei, als türkische Medien bei der ersten Vergabe der Presseplätze leer ausgingen. Danach Gejammer, dass das Gericht nun alle Plätze noch einmal neu auslost. Dann, erwartungsgemäß, Klagen der Pressevertreter, denen kein Losglück beschieden war. Anschließend, auch typisch bei Journalisten, gegenseitige Neidhaberei, warum denn nun das eine so triviale Blatt einen Platz bekommen habe und die eigene doch so bedeutende Zeitung nicht.

Doch es kommt noch besser: Die gleichen Medien, die noch vor ein paar Tagen die Live-Übertragung der Verhandlung angemahnt haben, mokieren sich nun darüber, dass die Angeklagte eine große Show abzieht. Nicht ohne diesem Auftritt eine eingehende Berichterstattung zu widmen. Die Welt (kompakt) etwa beschäftigt sich auf rund zwei von drei Seiten damit, dass Zschäpe die Haare wohl glänzend geföhnt habe und mit ihren Anwälten spricht, als seien dies alte Freunde. Da stellt sich wohl bald die Frage, wann der Playboy die Terroristin für die Ausgabe "Nazi-Bitches" unter Vertrag nehmen wird.

Hysterie an allen Orten: Die Vertagung des Prozesses um eine (!) Woche wird als "Schlag in das Gesicht der Opfer" gebrandmarkt und überhaupt sitzen im OLG nur Deppen, die alle nichts auf dem Kasten haben. Die schlauen Journalisten hingegen schon. Nur um es am Rande zu erwähnen: Ich bin auch Redakteur, aber das Theater um den NSU-Prozess hat wirklich groteske Ausmaße angenommen. Transparenter Rechtsstaat gerne, aber warum muss es den Medien denn unbedingt gestattet sein, die Angeklagte im Gerichtssaal zu filmen? Oben befindet sich doch eh schon eine riesige Pressetribüne, auf der mehr oder weniger fähige Reporter mit gezücktem Stiften sitzen. Zuschauer gibt es auch genügend, und von mir aus sollen sie noch zehn Schöffen reinpacken, dann sollte dem Ruf nach Öffentlichkeit doch genüge getan sein.

Zur Klarstellung: Diese Nazi-Deppen sollen hinter Gitter und den zunächst im Stich gelassenen Opfern der Ermordeten gehört unser Mitgefühl. Aber um Rechtssprechung geht zumindest im Moment leider nicht im geringsten, sondern vielmehr darum, wer aus diesem bunten Haufen an Juristen, Journalisten sowie Pro- und Contra-Demonstranten sich am überzeugendsten profiliert. Viele Kleingeister auf großer Bühne. Schade.

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