7. März 2013

Über die Freuden der Literatur

In einer mir sehr stark in Erinnerung gebliebenen Star Trek-Folge erhält der bis dato gefühllose Android Data einen Emotions-Chip eingesetzt. Erpicht darauf, die neue Welt der Sinnesempfindungen zu erkunden, begibt er sich in die Bar und ordert dort einen Drink nach Wahl der Barkeeperin. Diese mixt ihm einen Cocktail nach Alien-Art, ganz neu auf der Karte. Data führt das Glas zum Mund, nippt, trinkt – und sein Gesicht windet sich in wildem Abscheu und Ekel, sein Körper schüttelt sich. Die Frau hinter dem Tresen fragt so etwas wie "Na der scheint Ihnen ja nicht gerade zuzusagen?". Der Roboter bejaht dies und meint, dass das Getränk ganz abscheulich geschmeckt hätte. Um dann aber mit ekstatischem Grinsen und den Worten "Das Gleiche noch mal!" ein weiteres Mal die Sinnesexplosionen dieser herrlich schrecklichen Mixtur einzufordern.

So wie Data mit dem Cocktail geht es mir mit so manchem Buch: Eigentlich fürchterlich, aber schön, dass der weite Kanon der Literatur so viel bieten hat. Und das Beste daran: Dadurch, dass der eine oder andere Satz so abschreckend auf mich wirkt, kann ich umso besser sagen, was mir wirklich gefällt. Das Gute an eBooks ist ja, dass man sich vorher eine Leseprobe zusenden lassen kann. Und das tat ich neulich mit "Wer das Schweigen bricht" von Mechtild Borrmann. Ein durchaus gelobter Krimi mit diversen, bis in die Nazizeit zurückreichenden Verflechtungen. Und der beginnt so:
"Wie still. War es hier immer so still gewesen? Robert Lubisch stand am Fenster und sah hinaus in den Garten. Am Ende des weitläufigen Grundstücks schimmerten die hohen Douglastannen fast blau vor einem milchigen Himmel. Frühnebel lag wie gezupfte Watte auf dem Rasen, waberte um die Rhododendronbüsche und den Sockel der lebensgroßen, marmornen Diana, die wehrhaft, mit einem Bogen in der Hand, fror. Immer hatte sie so gefroren, nur manchmal, wenn im Sommer die Mittagssonne in den Garten viel, hatte der Stein golden und warm geschimmert."
Ich mag der Autorin unrecht tun und der Rest des Werks mag sich zu einem ganz tollen Roman entwickeln. Aber mal abgesehen von der seltsam personifizierten, verdrießlich vor sich hin frierenden Diana geht eine Sache für mein Lese-Wohlbefinden gar nicht: Vergleiche auf Creative Writing-Niveau. "Frühnebel lag wie gezupfte Watte auf dem Rasen". Oh Schreck. Das ist ungefähr so originell und stimmungsvoll wie "der Mond hing wie eine Sichel am Horizont"  oder "das Stöhnen des Oberförsters klang wie der Ruf eines brünstigen Hirschen". Wenn mein zweieinhalb Jahre alter Sohn eine braune Bananenschale am Boden sieht, lässt er schelmisch ein "Kacki" vernehmen, wohl wissend, dass das Objekt nur so aussieht wie Kacke, aber eben keine ist. Wobei mir ein Roman-Einstieg wie "Das verwelkte Laub am Wegesrand sah aus wie Kacki" schon fast wieder Spaß machen würde.

Wirklich deutlich besser gefällt mir auf jeden Fall die ganz andere Beschreibung einer Winterlandschaft aus dem äußerst empfehlenswerten "A Single Man" von Christopher Isherwood, im Deutschen nicht ganz so sinnhaft mit "Der Einzelgänger" betitelt:
"Während er auf der [Klo-]Brille hockt, kann er aus dem Fenster sehen. [...] Draußen herrscht ein grauer lauwarmer kalifornischer Wintermorgen, der Himmel hängt tief und weich im pazifischen Nebel. Weiter unten an der Küste werden Ozean und Himmel ein einziges weiches trauriges Grau sein. Die Palmen stehen ungerührt, und von den Blättern der Oleanderbüsche tropft die Feuchtigkeit."
Diese Worte gefallen mir außerordentlich. Gut, man könnte anmerken, dass auch hier mit dem Gebrauch von Adjektiven etwas übertrieben wurde, zumal sich "weich" wiederholt. Gerade aber der letzte Satz mit den Oleanderbüschen ist für mich so bildlich, wie es kein irgendwie gearteter Vergleich jemals sein kann. Die Szenerie baut sich natürlich vor meinem Auge auf und untermalt die vorherrschende Stimmung. Während mich die gezupfte Watte total aus dem Lesefluss reißt und ich mir eine Kosmetikerin vorstelle, die vor dem Pickelausdrücken den Wattebausch zerzupft. OK, ich übertreibe ein wenig – aber wenn ich Sätze wie die von Isherwood lese, komme ich mir unbeschwert vor wie frischer Tau, der in der Morgensonne glitzert. Ach Mist.

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