20. September 2013

"Sand" von Wolfgang Herrndorf – Keine Hoffnung am Horizont

Um das Wichtigste gleich zu Beginn zu sagen: ein ganz, ganz großer Roman, mit das beste, was in den letzten Jahren von deutschen Autoren gekommen ist. Allerdings definitiv keine leichte Kost und nur schwer in eine Kategorie zu pressen. Vordergründig läuft hier eine Agentengeschichte, eigentlich aber geht es um Sinnlosigkeit des Daseins, Bedeutungslosigkeit, Identitätsverlust und um stetiges Bemühen, das letztendlich nur in völligem Scheitern mündet. Harter Tobak, der durch eine tolle Sprache, gelungene, nicht übertriebene Metapher und vor allem viel schwarzen Humor und rasante Dialoge vom Autor hervorragend lesbar und erfahrbar gemacht wird.

Die Hauptfigur Carl ist die Essenz des Romans – mit Gedächtnisverlust in der Wüste aufgegabelt, versucht er die ganze Zeit hinweg, mehr über seine Existenz zu erfahren, was ihm jedoch nie gelingt. Stattdessen wird er als Spielball fremder Interessen hin- und her geworfen, stolpert von einem Fiasko ins nächste, gerät an alte und neue Feinde und löst keine Verstrickungen, sondern spinnt nur neue, leidet, kämpft, fällt, ist ein Getriebener zu einem ihm unbekannten, wahrscheinlich hoffnungslosen Ziel. Ja, lebensbejahend ist das Buch nicht wirklich und es lässt sich darüber spekulieren, ob die Krankheit Herrndorfs hier schon ihren Niederschlag fand.

Zweiter Protagonist des Buchs ist die Wüste – die große, leere, heiße, staubige Wüste, eine gnadenlose Sonne und mitleidlose Sterne, die ohne Rührung auf die umhertaumelnden Gestalten am Boden herabblicken. In seiner hitzeverschwommenen Intensität hat mich der Roman etwas an "Himmel über der Wüste" von Paul Bowles erinnert. Ich kann an "Sand" kaum einen Makel entdecken, außer vielleicht der eine oder andere Nebenstrang, der minimal zu detailliert geflochten wurde. Auch die ersten 80 Seiten gestalten sich zunächst etwas zäh, geben meiner Meinung nach aber einen passenden Rahmen zu dem Bild ab, das im Folgenden gezeichnet wird. Lesen, lesen, lesen - ein großes Vermächtnis.

22. August 2013

Neulich im Heimkino - Teil III

Die Schwalben sind schon gen Süden gezogen, die Tage werden kürzer, die Abende dunkler. Der BluRay-Player bekommt wieder mehr Futter.

Drive
Wow. Was für ein Film. Schon beim Intro treibt es wohl jedem Miami Vice-Fan vor Freude Tränen in die Augen - die Mischung aus fesselnder Synthie Pop-Hymne, der Nachtfahrt durch eine glitzernde US-Großstadt und dem quietschpinken Titelschriftzug lässt die Achtziger zumindest bildlich wieder auferstehen. Gequatscht wird in "Drive" allerdings nicht so viel wie in Miami Vice, und so hat Ryan Gosling oft die Chance, durch abwechslungsreiches Mienenspiel zu glänzen. Auch die Nebendarsteller machen einen tollen Job, Serienfans werden das eine oder andere bekannte Gesicht erkennen. Streiten kann man sicher über die seltenen, aber dann ausufernden Gewaltszenen. Ich bin da eigentlich recht kritisch - wenn es aber einen Film gibt, in dem die drastisch gezeigte Gewalt stimmig zum Gesamtbild passt, dann ist es Drive. Allein die Szene im Aufzug, als der Stuntfahrer erst zärtlich seine Nachbarin küsst, um dann brutalst einen Gegenspieler auszuradieren, hat es wirklich in sich. Hier wurde auf jeden Fall ein Gesamtkunstwerk geschaffen.

Außer Atem
"Außer Atem" gilt als Meilenstein der Nouvelle Vague. Mit Meilensteinen ist es allerdings so eine Sache - oft stehen sie verwittert am Straßenrand und man fragt sich, für was es die Dinger eigentlich einmal gebraucht hat. So ähnlich ging es mir auch hier, der 1960 sicher etwas ganz besonderes war, heute sowohl aufgrund seiner Machart als auch seines Inhalts nur schwer über die ganze Länge fesseln kann. Gerade die beiden Hauptfiguren haben mich etwas ratlos hinterlassen: Jean-Paul Belmondos Charakter will eigentlich nur seiner Filmpartnerin an die Wäsche, die jedoch lieber über existentialistische Fragen  diskutieren möchte und ihn erst dann richtig sexy findet, als sie erfährt, dass er ein gesuchter Polizistenmörder ist. Kann man gut finden, muss man aber nicht. Revolutionäre Schnitt-Technik und Kameraführung hin oder her, insgesamt hat mich der Streifen nicht vom Hocker gehauen. Fast interessanter fand ich da die beiliegende Dokumentation, in der mehr oder weniger bekannte amerikanische Regisseure den Einfluss Godards auf ihr Werk erklären.

Shanghai
Filme mit Städtenamen sind ja immer so eine Sache. Während "Casablanca" zurecht als der Klassiker im Genre "(Kriegs)Wirren treffen auf Liebesgeschichte" gilt und selbst Remakes wie "Havanna" durchaus gefallen, bleibt "Shanghai" hier deutlich zurück und kann seinen Vorbildern meiner Meinung nach nicht das Wasser reichen. Gut gefallen haben mir zwar die stimmungsvollen Einstellungen und Kamerafahrten sowie die Leistungen der meisten Schauspieler. Auch dass fast alle Charaktere nicht stereotyp in gut und böse unterteilt sind, fand ich interessant. Recht zwanghaft erschien mir allerdings, dass die Drehbuchschreiber hinter wirklich jeder Mann-Frau-Beziehung eine Geschichte aus Liebe und Verrat sehen. Das wirkte für mich etwas aufgesetzt und raubt der Produktion nach meinem Empfinden etwas die (emotionale) Glaubhaftigkeit, obschon wohl gerade das Gegenteil beabsichtigt war. Schöne Kulisse, gute Darsteller, akzeptable Story. Nicht mehr, nicht weniger. Schön, mal wieder John Cusack in Aktion zu sehen.

2. August 2013

"Die gefährliche Frau" von Thommie Bayer – Mal kein Musiker oder Autor als Protagonist

Nicht ganz so heiter – wie schon in "Das Aquarium" schlägt Thommie Bayer in "Die gefährliche Frau" auch düstere Töne an, wenn es um die Vergangenheit der Protagonistin geht. Ja, richtig gehört, der Autor schreibt diesmal in Ich-Perspektive aus der Sicht einer Frau. Keiner gewöhnlichen Frau, sondern einer Dame, die gewerbsmäßig Ehemänner verführt, um deren Gattinnen den Verdacht der Untreue zu bestätigen. Den Sichtwechsel würde ich als gelungen bezeichnen und Bayern nutzt den kritischen Blick ordentlich dazu, über die "Geschlechtsgenossinen" abzulästern. Eine Abrechnung, die man einer männlichen Hauptfigur zuweilen wohl als machohaft oder zumindest als beleidige Leberwurst auslegen würde.

Wie alle von mir bisher gelesenen Bayer-Romane ist auch dieses Buch eine gelungene Mischung aus Freude am geschriebenen und gesprochenen Dialog, und wieder einmal dreht sich alles um die Liebe mit all ihren wunderbaren Momenten und ihren tiefen Abgründen. Den Inhalt des Romans an dieser Stelle zu bewerten, fällt mir aus Angst vor Spoilern schwer - wie so oft hat sich Bayer auch diesmal ein überraschendes Ende ausgedacht, dreht meiner Meinung nach am Schluss aber mal wieder eine Pirouette zuviel. Irgendwie versucht er sich da immer selbst zu übertreffen, dadurch wirkt es für mich aber leicht konstruiert. Trotzdem, ein sehr gutes Buch, das man fast in einem Rutsch durchlesen kann.

30. Juni 2013

Hungerstreik? Aber doch bitte nicht hier!

Dass sich mitten in München rund 50 Asylbewerber aus Protest gegen die Unmenschlichkeit des Antragsverfahrens zu Tode hungern wollten, war für die Mehrheit der Münchner primär ein ästhetisches Problem. Ein Lager mit darbenden Menschen mitten in der Weltstadt mit Herz, und das, wo wir ein paar Kilometer entfernt mit dem Tollwood doch ein prima Multikulti-Festival feiern – pfui, das wollen wir hier nicht haben. Der Schuldige war schnell ausgemacht: ein kommunistischer „Rädelsführer“ aus dem Iran, der mit dem Hungerstreik unseren wohlwollenden Staat erpresst. Der reiche deutsche Staat, erpresst von armen Asylbewerbern – eine fast schon komische Sichtweise, wenn es denn nicht so traurig wäre. Ein Gemeinwesen wird erpresst, das von rund 40.000 Flüchtlingen pro Jahr nicht einmal einem Viertel das Bleiberecht gewährt, eine EU, die die Verlierer des globalen Wettbewerbs lieber auf dem Mittelmeer ersaufen lässt, als sie aufzunehmen – kann sich ein normal denkender Mensch ernsthaft die Frage stellen, wer hier am längeren Hebel sitzt?

Der Hungerstreik von München war zugegebenermaßen provokativ: Maximale Forderungen für maximale Öffentlichkeit. Damit tat sich die Politik schwer, denn Selbstmord steht nicht unter Strafe, zieht die Presse jedoch an wie das Licht die Motten. Eines war bei dieser Eskalationsstufe nicht mehr möglich: wegsehen. Denn das würden Politik und brave Bürger nur allzu gerne tun. Die Kommentare unter anderem bei Focus online, die den Organisator am liebsten im Knast sähen und die Hungerstreikenden schnellstmöglich ausgewiesen, gehören noch zu den harmloseren ihrer Sorte. Am liebsten wäre vielen Reaktionären wohl die Methode „Knüppel aus dem Sack“. Wie schwer sich die Politik mit dem Protest der Hungerstreikenden tat, zeigt auch die Räumung des Lagers an einem sonntäglichen Frühmorgen, an dem sich selbst die engagiertesten Journalisten gerade noch einmal im Bett umgedreht und Facebook-Enthusiasten gerade die Partybilder der letzten Nacht gepostet haben.

Was bei der öffentlichen Erregung leider wieder einmal zu kurz kommt, ist das Schicksal der Asylbewerber. Wir haben es hier nicht mit Menschen zu tun, die nach Deutschland geflüchtet sind, um sich vom Staat ein Zweit-SUV oder ein Dritt-Smartphone finanzieren zu lassen, sondern die oft mit nichts anderem hier angekommen sind als ihren Klamotten am Leib. Und die sich dann durch quälend lange Verfahren schleppen müssen, untergebracht in prekären Verhältnissen, durch das Arbeitsverbot zum Nichtstun verdammt. Deren Großteil dann am Ende dieses Weges ins Flugzeug gesetzt und abgeschoben wird. Durch die extreme Maßnahme dieses Hungerstreiks sahen sich Politik und Deutsche gezwungen, Farbe zu bekennen. Zu entscheiden, ob wir den Verlierern der Welt helfen oder ihnen mit den Worten „Haut doch ab!“ in den Arsch treten wollen. Wer zu den Humanisten und wer zu den Arschtretern gehört, hat sich in den letzten Tagen deutlich gezeigt. Allein das war der Hungerstreik wert.

18. Juni 2013

Was mich aufregt (Teil 2)

  • Der Grill-Wahn. Ich esse ab und an wirklich gern ein gutes Stück Fleisch und das Anfächeln der glühenden Kohle kann mir durchaus Freude bereiten. Was mich jedoch brutal nervt ist dieser mitläuferische Pavlow-Reflex, nach dem an den ersten Sommertagen jeder Freizeit-Hillbilly den Outdoor-Ofen aus dem Keller holt und die einzig sinnvolle Beschäftigung an einem warmen Wochenende zu sein scheint, pfundweise Fleischbatzen auf den Rost zu schmeißen. Hallo Männer? Man kann einen Juni-Mittag/Abend auch anders als beim Fressen verbringen? Wie wäre es mal mit Wandern oder Radfahren? Schwimmen gehen? Von mir aus auch nur hübschen Sommerkleidern nachschauen oder Rotwein trinken? Aber muss es denn immer gleich so archaisch sein? Und Frauen, findet ihr das wirklich toll? Das Kind im Manne mag ja vielleicht ganz amüsant sein, aber gilt das auch für den Neandertaler im Manne? Silke Burmester von der SPON-Kolumne sieht das anscheinend so – eigentlich genau das was mich aufregt, aber gut geschrieben.
  • Immer auf die Schwachen. Dass dicke Autos das Recht auf Vorfahrt gepachtet haben, wissen wir ja schon lange. Dann man Radfahrer umholzen darf und diese dann teilweise selbst für die Kosten ihrer Verletzungen aufkommen müssen, ist hingegen recht neu. Vorreiter dieser bahnbrechenden Rechtsauslegung ist das schleswig-holsteinischen Oberlandesgericht, das einer Radfahrerin Mitschuld bei einem Unfall (und damit Mitzahlen für Arzt und Reha) zugewiesen hat, weil sie keinen Helm trug, als ihr ein Autofahrer die Tür ins Gesicht geklatscht hat. "Hoppla, ich hab dich mit meinem dicken SUV beim Abbiegen übersehen? Na hättest du mal mal lieber Helm und Schutzanzug getragen, dann würdest du jetzt noch leben und deine Erben müssten mir nicht die Neulackierung zahlen". Da passt die Mini-Fahrerin ins Bild, die mir neulich erbost in der Fahrradstraße (!) "Typisch, immer diese Radfahrer" entgegenschleuderte, weil ich mich erdreistet hatte, sie bei ihrem Einparkmanöver samt U-Turn zu unterbrechen. Warum das Urteil Blödsinn ist, kann man ausformulierter auch gut im ZEIT-Blog nachlesen.
  • Schlechte Literatur. Mich freut ja, wenn nicht zuletzt durch schicke eBook-Reader wieder mehr Leute zum Buch greifen. Was mich ärgert ist, dass es leider genau wie im Fernsehen unglaublich viel Schrott gibt – ob das nun Sado-Maso-Hausfrauenerlebnisse, der 378. schmalzig-düstere Vampirroman oder der stilistisch unsagbare Thriller ist, bei dem die Innovationsfreude des Autors sich allein darin zeigt, welches innere Organ der Psycho-Mörder seinem Opfer als erstes bei lebendigen Leib herausreißt und als Hinweis für den Ermittler an das nächste Halteverbots-Schild nagelt. Gottseidank gibt es ja die Möglichkeit, (online) vorher mal in ein Buch reinzuschauen, und da sträuben sich mir bei so manchem Bestseller schon nach zwei Seiten die Nackenhaare. Die Demokratisierung des Schreibens ist ja eine feine Sache – Schreiben kann deshalb trotzdem noch lange nicht jeder. Ich weiß, das wurde schon oft gesagt. Aber eben noch nicht von mir.

7. Mai 2013

Die Nazi-Sau durchs Dorf treiben

Endlich ist in München außer CSU-Affären mal was geboten! Batterien von Satelliten-Übertragungswagen vor dem Oberlandesgericht, Demonstranten mit wehenden türkischen Fahnen, verzweifelte Bewahrer der Menschenwürde, die von Polizisten abgeführt werden, ein volksnah vermittelnder OB Ude, egozentrische Juristen und seltsam gescheitelte Verteidiger an allen Ecken und mittendrin eine schick gekleidete und dummdreist lächelnde Nazi-Braut, die anscheinend mehr Medieninteresse hervorruft als Angela Merkel und Cindy aus Marzahn zusammen. Was ist da los?

Vor allem eines: Die Medien wittern den großen Auflagebringer, denn semipassabel aussehende Frauen, kaltblütige Morde und ekliger Nazi-Dreck waren schon immer eine gute Mischung, um die Leute vor den Fernseher oder die Zeitung zu bringen. (Zurecht) erst großes Geschrei, als türkische Medien bei der ersten Vergabe der Presseplätze leer ausgingen. Danach Gejammer, dass das Gericht nun alle Plätze noch einmal neu auslost. Dann, erwartungsgemäß, Klagen der Pressevertreter, denen kein Losglück beschieden war. Anschließend, auch typisch bei Journalisten, gegenseitige Neidhaberei, warum denn nun das eine so triviale Blatt einen Platz bekommen habe und die eigene doch so bedeutende Zeitung nicht.

Doch es kommt noch besser: Die gleichen Medien, die noch vor ein paar Tagen die Live-Übertragung der Verhandlung angemahnt haben, mokieren sich nun darüber, dass die Angeklagte eine große Show abzieht. Nicht ohne diesem Auftritt eine eingehende Berichterstattung zu widmen. Die Welt (kompakt) etwa beschäftigt sich auf rund zwei von drei Seiten damit, dass Zschäpe die Haare wohl glänzend geföhnt habe und mit ihren Anwälten spricht, als seien dies alte Freunde. Da stellt sich wohl bald die Frage, wann der Playboy die Terroristin für die Ausgabe "Nazi-Bitches" unter Vertrag nehmen wird.

Hysterie an allen Orten: Die Vertagung des Prozesses um eine (!) Woche wird als "Schlag in das Gesicht der Opfer" gebrandmarkt und überhaupt sitzen im OLG nur Deppen, die alle nichts auf dem Kasten haben. Die schlauen Journalisten hingegen schon. Nur um es am Rande zu erwähnen: Ich bin auch Redakteur, aber das Theater um den NSU-Prozess hat wirklich groteske Ausmaße angenommen. Transparenter Rechtsstaat gerne, aber warum muss es den Medien denn unbedingt gestattet sein, die Angeklagte im Gerichtssaal zu filmen? Oben befindet sich doch eh schon eine riesige Pressetribüne, auf der mehr oder weniger fähige Reporter mit gezücktem Stiften sitzen. Zuschauer gibt es auch genügend, und von mir aus sollen sie noch zehn Schöffen reinpacken, dann sollte dem Ruf nach Öffentlichkeit doch genüge getan sein.

Zur Klarstellung: Diese Nazi-Deppen sollen hinter Gitter und den zunächst im Stich gelassenen Opfern der Ermordeten gehört unser Mitgefühl. Aber um Rechtssprechung geht zumindest im Moment leider nicht im geringsten, sondern vielmehr darum, wer aus diesem bunten Haufen an Juristen, Journalisten sowie Pro- und Contra-Demonstranten sich am überzeugendsten profiliert. Viele Kleingeister auf großer Bühne. Schade.

20. März 2013

"Gauklersommer" von Joe R. Lansdale – Aufgesetzt, manieriert und unnötig brutal

Ach schade. Was hatte ich mich nach den guten Amazon-Rezensionen und einer Handvoll wohlwollender Besprechungen in Literatur-Beilagen auf diesen Autor gefreut und mir als erstes Buch "Gauklersommer" herausgepickt. Und was für eine Enttäuschung! Schon nach einigen Seiten wird schnell klar, wodurch der Autor hauptsächlich zu punkten gedenkt: Starke Sprüche. Um keine Missverständnisse aufkommmen zu lassen – ich habe nichts gegen derbe Sprache in einem Krimi und bin ein großer Fan klassischer Pulp Crime-Romane, deren Protagonisten wahrlich kein Blatt vor den Mund nehmen. Doch Autoren wie Donald E. Westlake, Lawrence Block oder Mickey Spillane kann Lansdale bei weitem nicht das Wasser reichen - zu aufgesetzt wirken seine zotigen Geschosse, die meist direkt aus der Pipi/Kaka/Furzi-Schublade stammen. Keine zwei Absätze, in dem der eine dem anderen verbal nichts den Arsch hochschiebt, sich niemand die Eier versengt oder auf irgendeinen Sachverhalt hin keinen fahren lässt. Ab und an kann eine Zote ja für ein Schmunzeln sorgen, aber wenn fast jeder Charakter im Buch billigen Fäkal-Slang nutzt, kommt zumindest bei mir irgendwann gähnende Langeweile auf.

Dass Gossen-Sprech allein noch keinen Roman macht, ist wohl auch dem Autor aufgefallen, und so rast der Krimi nach zwei zotigen Drittel plötzlich rasend schnell auf sein Ende zu. Das ausnahmsweise mal nicht durch Brachial-Humor, sondern ausufernde Gewalt glänzt. Da werden Schädeldecken abgenommen, Frauen bei lebendigem Leib gehäutet und anschließend ausgenommen, dass es nur so eine Freude ist. Warum die Killer so einen Zinnober veranstalten, erklärt der Autor kaum – sie sind halt einfach böse, das muss reichen. Und der (vom Golfkrieg traumatisierte Held) ist eigentlich gut, liebt Kinder, drückt aber auch mal eben ein Auge zu, wenn sein durchgeknallter Irak-Buddie einen Gegenspieler niederfoltert. Sorry Mr. Lansdale, aber das reicht mir für einen guten Krimi einfach nicht. Zu manieriert wirkt auf mich die Gewalt-Orgie und der ermüdende Genital-Humor. Da hilft es auch nicht mehr viel, dass der Autor recht gut schreiben kann. Schade. Aber über Geschmack lässt sich nicht streiten – wer Überschriften der BILD-Zeitung witzig und einfallsreich findet, der kann vielleicht auch Gauklersommer etwas abgewinnen.

7. März 2013

Über die Freuden der Literatur

In einer mir sehr stark in Erinnerung gebliebenen Star Trek-Folge erhält der bis dato gefühllose Android Data einen Emotions-Chip eingesetzt. Erpicht darauf, die neue Welt der Sinnesempfindungen zu erkunden, begibt er sich in die Bar und ordert dort einen Drink nach Wahl der Barkeeperin. Diese mixt ihm einen Cocktail nach Alien-Art, ganz neu auf der Karte. Data führt das Glas zum Mund, nippt, trinkt – und sein Gesicht windet sich in wildem Abscheu und Ekel, sein Körper schüttelt sich. Die Frau hinter dem Tresen fragt so etwas wie "Na der scheint Ihnen ja nicht gerade zuzusagen?". Der Roboter bejaht dies und meint, dass das Getränk ganz abscheulich geschmeckt hätte. Um dann aber mit ekstatischem Grinsen und den Worten "Das Gleiche noch mal!" ein weiteres Mal die Sinnesexplosionen dieser herrlich schrecklichen Mixtur einzufordern.

So wie Data mit dem Cocktail geht es mir mit so manchem Buch: Eigentlich fürchterlich, aber schön, dass der weite Kanon der Literatur so viel bieten hat. Und das Beste daran: Dadurch, dass der eine oder andere Satz so abschreckend auf mich wirkt, kann ich umso besser sagen, was mir wirklich gefällt. Das Gute an eBooks ist ja, dass man sich vorher eine Leseprobe zusenden lassen kann. Und das tat ich neulich mit "Wer das Schweigen bricht" von Mechtild Borrmann. Ein durchaus gelobter Krimi mit diversen, bis in die Nazizeit zurückreichenden Verflechtungen. Und der beginnt so:
"Wie still. War es hier immer so still gewesen? Robert Lubisch stand am Fenster und sah hinaus in den Garten. Am Ende des weitläufigen Grundstücks schimmerten die hohen Douglastannen fast blau vor einem milchigen Himmel. Frühnebel lag wie gezupfte Watte auf dem Rasen, waberte um die Rhododendronbüsche und den Sockel der lebensgroßen, marmornen Diana, die wehrhaft, mit einem Bogen in der Hand, fror. Immer hatte sie so gefroren, nur manchmal, wenn im Sommer die Mittagssonne in den Garten viel, hatte der Stein golden und warm geschimmert."
Ich mag der Autorin unrecht tun und der Rest des Werks mag sich zu einem ganz tollen Roman entwickeln. Aber mal abgesehen von der seltsam personifizierten, verdrießlich vor sich hin frierenden Diana geht eine Sache für mein Lese-Wohlbefinden gar nicht: Vergleiche auf Creative Writing-Niveau. "Frühnebel lag wie gezupfte Watte auf dem Rasen". Oh Schreck. Das ist ungefähr so originell und stimmungsvoll wie "der Mond hing wie eine Sichel am Horizont"  oder "das Stöhnen des Oberförsters klang wie der Ruf eines brünstigen Hirschen". Wenn mein zweieinhalb Jahre alter Sohn eine braune Bananenschale am Boden sieht, lässt er schelmisch ein "Kacki" vernehmen, wohl wissend, dass das Objekt nur so aussieht wie Kacke, aber eben keine ist. Wobei mir ein Roman-Einstieg wie "Das verwelkte Laub am Wegesrand sah aus wie Kacki" schon fast wieder Spaß machen würde.

Wirklich deutlich besser gefällt mir auf jeden Fall die ganz andere Beschreibung einer Winterlandschaft aus dem äußerst empfehlenswerten "A Single Man" von Christopher Isherwood, im Deutschen nicht ganz so sinnhaft mit "Der Einzelgänger" betitelt:
"Während er auf der [Klo-]Brille hockt, kann er aus dem Fenster sehen. [...] Draußen herrscht ein grauer lauwarmer kalifornischer Wintermorgen, der Himmel hängt tief und weich im pazifischen Nebel. Weiter unten an der Küste werden Ozean und Himmel ein einziges weiches trauriges Grau sein. Die Palmen stehen ungerührt, und von den Blättern der Oleanderbüsche tropft die Feuchtigkeit."
Diese Worte gefallen mir außerordentlich. Gut, man könnte anmerken, dass auch hier mit dem Gebrauch von Adjektiven etwas übertrieben wurde, zumal sich "weich" wiederholt. Gerade aber der letzte Satz mit den Oleanderbüschen ist für mich so bildlich, wie es kein irgendwie gearteter Vergleich jemals sein kann. Die Szenerie baut sich natürlich vor meinem Auge auf und untermalt die vorherrschende Stimmung. Während mich die gezupfte Watte total aus dem Lesefluss reißt und ich mir eine Kosmetikerin vorstelle, die vor dem Pickelausdrücken den Wattebausch zerzupft. OK, ich übertreibe ein wenig – aber wenn ich Sätze wie die von Isherwood lese, komme ich mir unbeschwert vor wie frischer Tau, der in der Morgensonne glitzert. Ach Mist.

4. März 2013

Mediale Bestandsaufnahme, März 2013

  • Ich lese: Mal wieder recht wild gemischt. Gestern in der Badewanne auf einen Rutsch den Science Fiction-Roman "End of Exile" von Ben Bova. Schon etwas älter, aber eine positive Überraschung und ein wunderbares Bespiel dafür, wie es ein Autor auf nicht einmal 200 Seiten schaffen kann, durch die Beschränkung auf die nötigen Charaktere, eine temporeiche Erzählung und eine gute Story für Spannung und buntes Kopfkino zu sorgen. Einziger Kritikpunkt ist die starke inhaltliche Nähe zu einem weiteren Klassiker der Science Fiction, "Non-Stop", von Brian W. Aldiss. Aber gut, irgendjemand musste das Thema des Generationen-Raumschiffs ja erfinden. Bestens hat mir neulich auch "The World Inside" von Robert Silverberg gefallen, der die Zukunft der Menschheit zusammengepfercht in gigantomanischen Wolkenkratzern sieht – natürlich nicht ohne soziale und politische Nebeneffekte. Was Krimis betrifft, bin ich gerade mitten in "Die Stadt der Toten" von Sara Gran. Etwas arg gehyped, aber "die beste Ermittlerin der Welt" arbeitet wirklich erfrischend und den Stil der Autorin kann man durchaus mögen, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob die Story genug Substanz für die angekündigte Serie hat. Wer leicht übersinnliche angehauchte, dunkle Psychothriller mag und die Charlie Parker-Serie von John Connolly noch nicht kennt und einen Kindle sein eigen nennt, sollte einmal über die kostengünstigen Bundles nachdenken, die Mitte April als (englische) eBook erscheinen werden.
  • Ich sehe: Momentan die dritte Staffel von "The Walking Dead". Auch wenn der Schädelknacker-Faktor mittlerweile schon arg hoch ist, schätze ich immer noch die interessante Endzeit-Vision des Zombie-Dramas. Allein die Tatsache, dass die Überlebenden nur in einem ehemaligen Gefängnis vor den Horden sicher sind, entbehrt ja nicht einer gewissen Ironie. Zudem hat die Serie im Vergleich zur gemächlichen, eher auf gruppendynamische Aspekte fokussierten zweiten Staffel deutlich an Fahrt aufgenommen und fast jede Folge kann mit einem schönen kleinen Cliffhanger aufwarten. Im BluRay-Player lag am Wochenende "Anonymus" von Emmerich, den ich insgesamt doch etwas blutleer fand. Ein Kammerspiel anderer Art, aber sehr sehenswert, ist übrigens "Der Gott des Gemetzels" von Roman Polanski, unter anderem mit Christoph Waltz, mal nicht als Psycho.'
  • Ich spiele: Veranlasst durch das schöne Games-Podcast "Stay Forever" habe ich neulich glatt wieder Alpha Centauri rausgekramt. War mir dann nach zwei, drei Stunden aber doch zu Retro und ich bin auf "Civilization Revolution" auf der XBox umgestiegen, das für Konsolen-Verhältnisse ein echt nettes und flottes Strategiespielchen ist. Erfolgloser beziehungsweise unmotivierter verliefen dann meine Versuche, alte Textadventure-Klassiker, etwa die von Infocom, auf meinem Smartphone zum Laufen zu bringen. Klappt, macht aber mit der Mini-Tatstatur nicht wirklich Spaß.

8. Januar 2013

Neulich im Heimkino – Teil II

Wie schon angedrohtkündigt an dieser Stelle erneut ein paar Mini-Kritiken zu kürzlich gesehenen Filmen. Und los.

Schmetterling und Taucherglocke (2007)
Julian Schnabel bleibt seinem Stil als Regisseur treu und macht aus einer wahren Begebenheit einen recht künstlerischen Film, der in weiten Teilen emotional mitnehmen kann. Dass der eingestreute Humor trotz der scheinbar ausweglosen Situation nicht zu kurz kommt, macht die Schilderung noch menschlicher. Wie auch bei der Hauptperson selbst schwanken die Gefühle beim Zuschauer meist zwischen Deprimiertheit und Zuversicht. Kein Feelgood-Film, aber ebene eine Geschichte, die das Leben schrieb und die neugierig macht auf das Buch.

Dame, König, As, Spion (2011)
Puh. Schwierig, hier eine treffende Bewertung zu schreiben. Zunächst einmal ist der Streifen sehr ästhetisch gefilmt, auch wenn das (absichtlich?) grobe Korn in HD etwas antiquiert / aufgesetzt wirkt. Trotzdem, der Agenten-Zeitgeist der dargestellten Epoche ist auf jeden Fall sehr gut getroffen und auch dem Star-Ensemble sieht man an, dass der Dreh auf jeden Fall Spaß gemacht haben muss. Der Spaß vergeht dem Zuschauer ob der vielen Irrungen und Wendungen manchmal und die reduzierten Dialoge tragen nicht unbedingt zur Klärung und Aufrechterhaltung der Spannung bei. Aber so war er vielleicht einfach, der Kalte Krieg - trotz scheinbar klarer Fronten undurchschaubar und nicht aufzulösen.

Whale Rider (2002)
Emotional eindringlicher Film, der mir allerdings auf rationaler Ebene zu vollgepackt war: Alte, verschwindende Kulturen und ihre Legenden, die Benachteiligung des weiblichen Geschlechts in patriarchalen Strukturen, Tod und Trennung in der Familie, das Abwandern junger Leute nach Übersee und und und. Das Gesamtbild ist zwar stimmig, aber irgendwie konnte ich mich nicht so ganz auf diese Produktion einlassen. Die junge Hauptdarstellerin schauspielert allerdings fantastisch, deshalb will ich mal nicht so sein und gebe vier von fünf Sternen. Gerade da aus Neuseeland außer Hobbit & Co. filmisch ja sonst recht wenig zu uns kommt.

The Ides of March - Tage des Verrats (2011)
Wieder mal eine solide Regie-Arbeit von George Clooney, die erst etwas langsam startet, dann aber rasant an Fahrt aufnimmt und am Ende einen erschreckenden Blick in den tiefen Abgrund der Farce des (US-)Politikbetriebs erlaubt. In dem es keinen Idealismus mehr gibt und Illusionen über die Wirkungsmacht politischer Inhalte schon gar nicht. Kein Action-Thriller, aber eben ein gutes Portrait über die Gepflogenheiten der PR- und Polit-Maschinerie, das man sich gerade vor amerikanischen Primaries oder Präsidentschaftswahlen gut reinziehen kann.

Melancholia (2011)
Mit Lars von Trier hatte ich ja schon so meine Schwierigkeiten - "Melancholia" jedoch hat mir sehr gut gefallen. Allein das Endzeit-Szenario, dass die Erde nicht geflutet oder durch Erdbeben zerstört, sondern von einem deutlich größeren Planeten (in schönen Bildern) quasi pulverisiert und gleichzeitig aufgenommen wird, fand ich klasse. Dass der Regisseur zudem ein Garant für tolle Bilder ist, muss wohl nicht mehr extra erwähnt werden. Dazu kommt dann noch eine Betrachtung über Normen, Konventionen, Doppelmoral und das eignene Handeln im Angesicht des Endes, was von den vielen bekannten Darstellern sehr gut auf die Leinwand gebracht wird. Trotz der zweieinhalb Stunden so gut wie nie langatmig. Und nochmal für alle Emmerich-Freunde: Nein, dieser Film ist kein kunterbunt-kitschiger Action-Streifen mit Hollywood-Heldengeschichte.