29. Februar 2012

Das Ende des Winters

Im Spätherbst ist das Grauen stets groß, wenn ich an die bevorstehenden Wintermonate mit ihren langen, dunklen Nächten denke. Diese Beklemmung ist jedoch rationaler Natur, denn wie so oft kann ich mir nicht vorstellen, kann nicht vorfühlen, wie erschöpfend die Kälte und Stille der frostigen Jahreszeit wieder einmal sein werden. Nicht nur, dass die meisten Singvögel das Land verlassen haben, nein, die Kälte und der Schnee selbst schlucken jedes Geräusch – sogar die nächtlich aus dem Biergarten zurückkehrenden grölenden Zecher fehlen mir. Doch jetzt ist alles anders. Ich kann wieder ohne kratzende Mütze und feuchte Handschuhe zur Arbeit radeln und höre dabei den aufgeregt zwitschernden Vögeln zu, die scheinbar euphorisch von Ast zu Ast springen. Nicht mehr lange, und auch die Schwalben werden wieder zurückkehren und zwischen den Häusern im Abendrot ihre kreischenden Kreise ziehen. Ich spüre das nahe Ende des Winters körperlich, als eine von mir abfallende Last. Ebenso weicht die Anspannung, die nötig war, um diese frostige Bürde zu tragen. Sie weicht einer frohen Erschöpfung, die mir an manch frühen Frühlingstagen Tränen der Erleichterung in die Augen treibt. Niemals sonst als im Frühling erscheint es passender, sich unter einen grün werdenden Baum zu legen und die Augen zu schließen. Und zu fühlen, dass auch der härteste Winter einmal endet und es trotz Minusgraden nicht geschafft hat, das Innere zu vereisen.