10. Januar 2012

Roches leeres Rauschen

Nach dem ersten Drittel wollte ich "Schoßgebete" von Charlotte Roche eigentlich weglegen. Nach dem zweiten Drittel war ich ob der geschilderten Tragödie geschockt und bewegt. Und nachdem ich nun ganz durch bin, hat sich wieder Ernüchterung breit gemacht. Woran liegt das? Im Mittelteil des Romans verarbeitet Roche ihr eigenes Schicksal, das ihr am Vortag ihrer Hochzeit drei Brüder und fast die Mutter genommen hat. Roche schildert diese Geschehnisse genau so direkt und heftig, wie sie wohl auch auf sie eingeprasselt sind und schafft es durch die knappe, manchmal nicht alles sagen könnende Sprache, vor allem die Hilflosigkeit in so einem Moment erschütternd zu beschreiben. Roche und ihr Alter Ego sind danach gezeichnet, und ständiges Sinnieren über den Tod und immerwährende Depressionen sind die Folge. Diesen Teil des Buches fand ich gut, wenn auch sehr deprimierend und herunterziehend.

Den Rest des "Romans" fand ich trivial bis banal. Warum ich Roman in Anführungszeichen setze? Vor allem deshalb, weil sich Roches Werk einfach durch das totale Fehlen einer Metaebene auszeichnet. Die Protagonistin versucht, sich mit Sex abzulenken und am Leben zu erhalten und schildert ansonsten ihr recht ereignisloses Leben und hat zumindest mich mit Allgemeinplätzen à la "Lange kauen ist gesund", "Dicke Autos sind doof weil umweltschädlich" oder "Wenn's beim Sex nicht mehr klappt, hält auch die Liebe nicht" enorm gelangweilt. Was die Schilderung von Sex angeht, weiß ich ehrlich gesagt nicht, warum bei Charlotte Roche immer so ein Hype gemacht wird - da haben andere Schriftsteller (wenn auch eher Männer) schon viel ärger in die Tasten gehauen. Die Romanheldin zieht sich Pornos rein, hat Analsex und geht mit ihrem Mann in den Puff. So what? Da ist jede arte-Doku ja schon härter.

Drei Sterne gerade noch deswegen, weil Roche recht gut und ehrlich beobachten kann und man bei den Sexszenen aufgrund der Offenheit der Sprache manchmal schmunzeln muss. Alles in allem hätte ich es aber passender gefunden, wenn Roche einfach ein autobiographisches Werk geschrieben hätte. Den das fiktive Drumherum ist arg platt und auch stilistisch wenig mitreißend. Wenn Roche zeigen wollte, dass das Leben banal ist und es eigentlich nur den Tod gibt, den wir mit Sex zumindest aus unseren Gedanken vertreiben können, dann hat sie das einigermaßen geschafft. Ein über die ganze Länge mitreißender Roman ist ihr damit aber nicht gelungen.