22. September 2011

Science Fiction für zwischendurch

Moderne Science Fiction tendiert wie Fantasy oft dazu, epische Ausmaße zu erreichen. 750 Seiten sind dann meist eher die Regel denn die Ausnahme. Dies verspricht zwar eine hohe Detailfülle und eine stimmige Atmosphäre, verschlingt aber viel Lesezeit und bedeutet im schlimmsten Fall Langatmigkeit. So bin stets auf der Suche nach klassischen SF-Perlen, denn eine Menge Autoren des letzten Jahrhunderts haben es geschafft, eine spannende Story auf unter 300 Seiten zu erzählen. An dieser Stelle kurze Reviews von drei Werken, die ich mir in letzter Zeit zu Gemüte geführt habe. Und ja, ich werte noch mit Sternchen!

Arthur C. Clarke: Rendezvous mit Rama, 1972
Der Autor ist vor allem durch sein von Stanley Kubrik verfilmtes Buch “2001: Odyssee im Weltraum” bekannt. Mit dem Rama-Roman begründet Clarke nun gleich zwei Evergreens der Science Fiction: Er beschreibt zum einen den Erstkontakt mit einem fremden Raumschiff und stellt außerdem das Prinzip des Mega-Habitats im All vor. Rein thematisch ist das Buch der harten SF zuzuordnen. Die Beschreibung der technologischen Begebenheiten (künstliche Schwerkraft, technisches Equipment) auf dem fremden Himmelskörper hat eindeutig Vorrang, während soziale Komponenten (Vielehe, Reibereien unter den unabhängigen Planeten des Sonnensystems) nur nebenbei Erwähnung finden.

Das Buch ist leidlich spannend und bietet recht wenige Highlights, was vor allem daran liegt, dass bei der Erkundung des fremden Raumkörpers einfach wenig bis gar nichts geschieht. Auch die Umwelt der künstlichen Station hat bis auf einen spektakulären ringförmigen Ozean recht wenig zu bieten und zunächst erscheint die Plattform auch unbewohnt. Am Ende gibt es eigentlich keine wirkliche Auflösung und der Leser steht am Schluss mit mehr Fragen als am Anfang da. Hinzu kommen eher unscharfe Charakterzeichnungen, so dass das Buch alles in allem irgendwie den Eindruck eines Konzeptes macht, das mit mehr Details gefüllt werden müsste – was dann wohl in der Fortsetzung “Rendezvous mit Übermorgen” auch geschieht.

Fazit: Drei von fünf Sternen. Obwohl das Buch oft als einer von Clarkes Klassikern genannt wird, sehe ich es nicht als Must-Read der SF an. Dafür passiert insgesamt einfach zu wenig. Sicher, damals war das technische Konzept neu und die Raumfahrt steckte noch in den Kinderschuhen, aber für heutige Verhältnisse ist die Handlung einfach zu blutleer. Dass der Autor es auch auf nur 250 Seiten deutlich besser kann, zeigen Werke wie “Die letzte Generation” oder das schon von mir für lesenswert befundene “Imperial Earth”.

Michael Coney: Der Sommer geht, 1975
Der Autor war mir unbekannt, bis ich ihn in einer SF-Bestenliste auf der spannenden Seite www.worldswithoutend.com entdeckt habe. “Der Sommer geht” wird im Allgemeinen als das beste seiner rund 20 Werke beschrieben. Mangels Vergleichs kann ich nur festhalten, dass mir der Roman überaus gut gefallen hat. Das Buch ist mehr ein Vertreter der Soft Science Fiction und beschreibt die Rahmenbedingungen des menschlichen Zusammenlebens auf einem Planeten, der unserer Erde des Dampfzeitalters gar nicht so unähnlich ist - mit einigem Hängen und Würgen könnte man hier also eines der ersten Steampunk-Werke erkennen.

Die Handlung ist recht SF-unüblich und beginnt mit der Beschreibung eines Sommerurlaubs am Meer aus der Sicht eines männlichen Teenagers, der wie wohl alle Altersgenossen mit seinen Eltern und den erwachenden Gefühlen für das weibliche Geschlecht zu kämpfen hat. Mehr und mehr werden die Protagonisten von äußeren Geschehnissen beeinflusst – es herrscht Krieg zwischen den beiden Nationen des Planeten – und schließlich kommt es zu einem Ende des Sommers und des Buchs, das man als Leser zunächst nicht auf der Rechnung hatte. Generell ist der Roman recht stark vom Kalten Krieg geprägt und beschreibt, wie die Lenker der Nationen letztendlich an allem bloß nicht am Wohl der Bevölkerung interessiert und in ihrer hierarchischen Nomenklatura gefangen sind.

Fazit: Fünf von fünf Sternen. Sehr gefesselt hat mich die melancholische Grundstimmung des Romans, der vor der Meeres-Kulisse einen Sommer des Erwachsenwerdens und der Umbrüche beschreibt. Ein Sommer, der in dieser Form nie wiederkehren wird. Die Entwicklung des heranwachsenden Teenagers wird trefflich – wenn auch manchmal fast zu altklug – beschrieben, und auch die anderen Personen sind gut charakterisiert. Hier zeigt sich die Magie von kurzen Romanen, in denen kein Wort zu viel gesprochen, aber doch alles gesagt wird. Auch für Leser, die sonst nicht so viel mit SF am Hut haben, definitiv ein Lesetipp.

Frank Herbert: Die Leute vom Santaroga, 1968
Frank Herbert, der Schöpfer des “Wüstenplaneten”, ist Autor des dritten hier beschriebenen Buches, und auch in diesem Roman widmet er sich einem seiner Lieblingsthemen: Der Beobachtung einer in sich geschlossenen Gesellschaft, die unter manchmal lebensfeindlichen Rahmenbedingungen ihren Weg finden muss. Das Ganze spielt aber diesmal nicht auf einem fernen Planeten, sondern einem lauschigen Tal in Kalifornien. Der Psychologe Dr. Dasein wird nach Santaroga geschickt, um zu ergründen, warum die Bewohner der Region so konsumfeindlich sind und ihren Lebensraum so gut wie nie verlassen.

Vor Ort entdeckt der Wissenschaftler dann recht schnell, dass die Santaroganer ihre Lebensmittel einer starken Droge aussetzen, die den Verstand schärft und nicht etwa vernebelt. Mit dieser überdurchschnittlichen Erkenntnisfähigkeit ausgestattet, fällt es den Menschen dort nicht schwer, die typischen Probleme westlicher kapitalistischer Staaten (Geld regiert die Welt, Verblödung durch TV-Konsum, Vereinsamung et cetera) zu erkennen und in Gänze abzulehnen. Dr. Dasein ist einerseits von der Droge und der Unverstelltheit der Santaroganer fasziniert, fürchtet aber auch, abhängig zu werden, in der beinahe kommunenhaften Gemeinschaft unterzugehen und seine Individualität zu verlieren.

Fazit: Vier von fünf Sternen. Das Werk ist eigentlich DER Prototyp für Soft Science Fiction, es gibt keine Raumschiffe, keine fernen Planeten und keine Aliens, sondern nur den Menschen und sein Zusammenleben mit Seinesgleichen und was er daraus macht. Der Roman spielt noch nicht einmal in der Zukunft, sondern fokussiert die Probleme Amerikas in den späten sechziger Jahren, die aber auch heute noch erstaunlich aktuell und mittlerweile global sind. Der Autor diskutiert hier unterschiedliche Formen des Zusammenlebens, und das westliche Konsumdenken bekommt nicht viel Lob ab – die Alternative, ein möglicherweise Gruppenzwang-beherrschte, quasi totalitäre Einheit der Masse wird aber auch mit Skepsis betrachtet. Ein fast schon philosophisches Buch.

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