27. Juli 2011

Hosentaschenbibliothek

In letzter Zeit kam bei Gesprächen mit Freunden und Bekannten oft das Thema Kindle auf, den ich nun schon fast ein Jahr besitze. Die häufigste Frage ist dann meist: Das fühlt sich aber nicht so an wie ein Buch, oder? Darauf an dieser Stelle eine nicht ganz kurze Antwort mit ein paar generellen Überlegungen zur fortschreitenden Digitalisierung des Alltags.

Die technischen Fakten – was der Kindle kann
Vollkommen richtig: Der Kindle fühlt sich nicht wie ein Buch an. Er ist ja auch keins. So wie eine MP3-Datei rein von der Form her nicht einer CD gleicht, ein Internet-Telefonat nicht dasselbe ist wie ISDN und ein Video-Stream andere Merkmale besitzt als eine DVD. Dem Kindle und den eben genannten Wiedergabe-Wegen ist gemein, dass es sich – egal ob analog oder digital – um die gleichen Inhalte handelt, die transportiert werden. Im Unterschied zu MP3 & Co. geht mit der Umsetzung eines Buches auf das digitale Medium Kindle meiner Ansicht nach aber kein qualitativer Verlust einher. Mal abgesehen davon, dass der Bildschirm des Kindle nicht ganz so blendend weiß ist wie eine Buchseite (er ähnelt vom Farbton her eher Recycling-Papier), ist das Schriftbild dank der wirklich guten, kontrastreichen und scharfen E-Ink-Technik genauso gut lesbar wie ein gedrucktes Buch.

Wer meint, auf einem Computer könne man doch nicht so gut lesen, möge sich den Kindle bitte einmal live ansehen, denn der Bildschirm ist eben kein LCD-Computer-Display. Selbst der gute AMOLED IPS-LCD-Panel-Screen des iPad hat eben nicht die Eigenschaften des E-Ink-Display des Kindle. Dies fängt schon damit an, dass Mini-Computer in der Regel nicht entspiegelt sind – was das Lesen schnell mühsam macht. Nicht so beim Kindle, mit dem sich sowohl bei Tages- als auch bei Kunstlicht angenehm und mühelos auch über Stunden lesen lässt. Ganz ohne Licht geht es allerdings nicht, denn der Bildschirm des Lesegeräts ist nicht hintergrundbeleuchtet. Aber das ist ein normales Buch ja auch nicht.

Die Bedienung des Kindle gestaltet sich meiner Meinung nach einfacher als ein Buch. So ist selbst beim dicksten Wälzer das Halten und Umblättern (=Knopfdruck) mit einer Hand möglich. Wer das Gerät in den Ruhezustand versetzt und später wieder einschaltet, ist automatisch auf der letztgelesenen Seite - Lesezeichen adieu. Rein haptisch fühlt sich der Reader zudem sehr angenehm an, die Verarbeitung wirkt durchaus hochwertig. Weitere technische Details möge der interessierte Leser bitte bei Amazon nachlesen, den ich will auf das wirklich bahnbrechende Konzept des Kindle kommen: Nahezu seine gesamte Bibliothek in Form eines schmalen E-Book-Readers jederzeit mitführen zu können und diese Bibliothek kabellos fast auf der ganzen Welt um weitere Bände erweitern zu können.

250g wiegt die komplette Bibliothek
Ich denke, ich muss hier nicht Dutzende von Beispielen bemühen, um die Vorzüge zu beschreiben, die eine Verringerung des physikalischen Volumens mit sich bringt – Reisen ist natürlich ein plakativer Fall. Statt 3/5/10kg Bücher und einem Drittel/der Hälfte/dem ganzen Koffer komme ich mit knapp 250g und einem heftgroßen Gerät aus. Als besonders praktisch im letzte Urlaub empfand ich zudem, jeden Morgen die aktuelle Tageszeitung auf den Kindle vorzufinden. Dies funktioniert selbst bei der miesesten Handyverbindung und auch ein Buch braucht je nach Güte der Verbindung meist nur wenige Sekunden, bis es auf dem Lesegerät angekommen ist. Dass Amazon den Übertragungsservice via Mobilfunknetz nahezu weltweit kostenlos anbietet. ist schon eine geniale Sache. Bei allen mir bekannten E-Book-Readern muss entweder ein USB-Kabel ins Gerät oder ein heimisches WiFi-Net her. Der Kindle hingegen kommt autark daher und lässt sich ganz ohne Computer befüllen.

Dieses Alleinstellungsmerkmal lässt sich Amazon natürlich bezahlen. E-Books anderer Anbieter sind auf dem Kindle in der Regel nicht zu lesen, und billig sind digitale Inhalte in der Regel auch nicht - meist liegt der Preis für deutsche Werke ein, zwei Euro unter dem Taschenbuch-Preis, etwas mehr kann man bei bisher nur als Hardcover verfügbare Werken sparen. Für amerikanische Bücher ist meist sogar mindestens der Taschenbuch-Preis zu zahlen, manchmal sogar mehr. Während letzteres an einer Art Roaming-Aufschlag (die im Kindle verbaute SIM-Karte gehört einem US-Provider) liegt, den Amazon ärgerlicherweise nicht-amerikanischen Kindle-Nutzern aufdrückt, hat der geringe Preisunterschied in Deutschland vor allem damit zu tun, dass viele Verlage E-Books immer noch skeptisch gegenüberstehen und sich nicht vorstellen können, dass ein geringerer Preis für digitale Erzeugnisse eventuell auch zu einer größeren Nachfrage führen könnte. Ganz nach dem Motto, ok, dann bieten wir wenn es unbedingt sein muss eben digitale Inhalte an, aber das soll der Kunde dann auch teuer bezahlen.

Sprich, der Kindle verleitet zum Geldausgeben und Bücher sammeln, weil einfach alles so schnell und einfach geht. Das ist allerdings nicht unbedingt ein Merkmal der Digitalisierung. Ich kenne genug Leute, die aus einem Buchladen nicht ohne ein Dutzend neuer Bücher herauskommen. Technisch und rechtlich etwas theoretischere Fragen kreisen um das Thema, was passiert, wenn Amazon mir meine Bücher aus irgendwelchen Gründen vorenthalten will oder schlichtweg der / die Server mit meinem Archiv (alle gekauften E-Books sind immer im Archiv vorhanden und können jederzeit wieder auf das Gerät geladen werden) abschmiert. Oder wie ich meine Bücher jemandem vererben oder schenken kann. In den USA hat Amazon bereits eine Funktion implementiert, die das Verleihen von E-Books in geringem Umfang ermöglicht. Dieses Feature ist leider wie eine ganze Reihe von Web 2.0-Funktionen für den Kindle in Deutschland noch nicht verfügbar.

Fazit
Der Kindle ist so gut durchdacht, dass ich ihn jedem, der gern liest, wärmstens empfehlen kann – ob zur Entlastung des heimischen Bücherregals, der leichten Transportierbarkeit der eigenen Bibliothek oder dem Instant-Zugriff auf hunderttausende von Büchern. Meiner Meinung nach sprechen viele Gründe für Amazons E-Book-Konzept, allerdings in Koexistenz zum gewohnten Buch. So wie es heute noch Liebhaber von Langspielplatten gibt und Nutzer von Analog-Kameras, wird das gute alte Buch auf absehbare Zeit ebenso wenig aussterben. Technikfans und Nostalgiker sollten sich die Grabenkämpfe also sparen.