29. November 2010

Spiegel jagt Präsidentengattin

Da hat der SPIEGEL ja ein ganz heißes Eisen angefasst: Unter dem Titel "Geheimdepeschen enthüllen Weltsicht der USA" werden stolz und nahezu exklusiv die neuesten Wikileaks-Kracher verkündet. Diesmal ist nicht das Militär dran, sondern die Diplomatie, die es doch glatt wagt, geheime Lage-Einschätzungen um die Welt zu kabeln. Während ich es ja sehr lobenswert fand, dass Wikileaks die beim US-Militär abgelaufenen Schweinereien (die oft den Verlust von Menschenleben mit sich brachten) ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt hat, ist mir der Sinn des erzwungenen Diplomaten-Striptease nicht ganz klar. Dass eine Regierung durch ihre Entsandten Lageberichte und Bewertungen sammelt, erscheint mir nicht gerade ungewöhnlich. 99 Prozent aller Staaten der Welt dürften so verfahren.

Also muss es irgendwie um den Inhalt gehen. Den Enthüllungen entnehmen wir, dass sich Merkel laut USA-Sicht nicht genügend für die transatlantischen Beziehungen einsetzt und es Guido Westerwelle an außenpolitischer Erfahrung fehlt. Da frage ich mich: Wo sind hier die Neuigkeiten? Das haben wohl auch die Jungs vom Spiegel gemerkt und packen deshalb noch ein paar Boulevard-News drauf: Die Frau von Medvedev sei eine Intrigantin und die Gattin des aserbaidschanischen Präsidenten schon mehrfach geliftet. Wow. Das sind Meldungen, die die Welt erschüttern. Das beliebte Medien- und PR-Spiel "Da hat einer ganz versaute (aber belanglose) Sachen gemacht und wir berichten (natürlich rein aus aufklärerischen Gründen) darüber", scheint den Polit-Voyeuren beim Spiegel auf jeden Fall eine Titelstory wert zu sein.

Anhand dieses Beispiels ließe sich natürlich auch wieder einmal trefflich theoretisieren, ob es denn sinnvoll ist, alle möglichen geheimen Beschlüsse zu veröffentlichen, bloß weil man es kann. Gerade im Bereich der Diplomatie, die ja auch viel mit schön Wetter machen zu tun hat, leuchtet es mir ein, dass nicht jeder Furz gleich in die Welt posaunt wird. Bei einer Cocktailparty schlägt auch keiner ans Sektglas, wartet bis die Menge verstummt ist, und verkündet dann vor versammelter Mannschaft, dass Frau Koschulke mit Herrn Britzelsheimer in der Kiste war. Das bringt mich zum Thema "Das Ende der Privatheit?", was ja einer der beliebtesten Gründe zum Internet-Bashing ist. Das handele ich aber in einem extra Blogeintrag ab. Vielleicht machen ja noch ein paar Spiegel-Redakteure mit und wir enthüllen was ganz Sensationelles!