30. Juni 2010

SPD geht unter die Taschenspieler

Also ich bin ja selbst links, aber was die SPD nach der Wahl Wulffs bei jeder Gelegenheit in die Kameras blökt (nämlich dass die Linke Schuld sei am CDU-Präsidenten), ist dermaßen dreist, dass mir stets aufs Neue der Kamm schwillt. Nur kurz zum nachrechnen: Die absolute Mehrheit zur Wahl des Bundespräsidenten betrug 623 Stimmen. CDU und FDP haben zusammen 644 Stimmen. Rot-Grün 460. Links 124. Rot-Rot-Grün also 584. Vom ersten Wahlgang - dessen Ausgang keiner präzise voraussagen konnte - einmal abgesehen: Wann hätte die Linke die Chance gehabt, Wulff zu verhindern? Wie? Wo? Wann?

Die CDU hat in den nächsten Wochen und Monaten sicher genug Feuer unter dem Dach. Aber was die SPD - und leider auch die Grünen - derzeit veranstalten, sind billige Politik-Rituale, die mit populistischen Phrasen davon abzulenken versuchen, dass sie selbst mindestens genauso wenig Konzepte haben wie die Regierungskoalition. Wann kapiert die SPD endlich, dass sie nicht nur den dicken Gabriel hinstellen muss, der ein paar markige Sprüche ablässt, sondern endlich mal wieder mit INHALTEN  glänzen sollte? Und diese ganzen Westentaschen-Kommentatoren auf Twitter und Facebook schwadronieren, dass zwei gescheiterte Wahlgänge ja ein Zeichen von Demokratie und Freiheit seien. Träumt weiter. So leid es mir tut, aber Gauck hat sich ganz schön vor den parteipolitischen Karren von Rot-Grün spannen lassen.

Auf eines freue ich mich ja schon: Wenn bei der nächsten Präsidentenwahl Rot-Grün die Mehrheit haben sollte, treten die Parteichefs sicher auch mit Inbrunst und Feuerzunge für die freie Entscheidung der Abgeordneten ein und werten es als Erfolg der Demokratie, wenn die eigenen Gesandten nicht für den abgesprochenen Kandidaten stimmen. Ich bin gespannt, Herr Gabriel, Herr Steinmeier, Frau Nahles.

Adeus Portugal, adeus Deco!

Nach dem Ausscheiden meiner Lieblingsmannschaft Portugal ist es Zeit für mich, ein vorzeitiges WM-Fazit zu ziehen. Zu den Portugiesen selbst ist dem Spiegel-Artikel zu Cristiano Ronaldo mit dem Titel "Schwacher Abgang einer Diva" eigentlich nichts mehr hinzuzufügen. Warum dieser narzistische Poser die Kapitänsbinde und noch dazu Figos Rückennummer 7 trägt, wird wohl auf ewig ein Rätsel bleiben. Gleich nach Wayne Rooney der zweite Totalausfall des Turniers. Wirklich leid kann es einem um die Sympathieträger der Manschaft wie Keeper Eduardo oder Mittelfeld-Legende Deco tun, der nach dem Spiel mit den Worten "Portugal wird für immer in meinem Herzen bleiben" seinen Rücktritt erklärte. Nun ja, ich habe die Portugal-Fahne wieder eingerollt und die Trikots sind wieder hinten im Schrank. Aber nur bis zur kommenden EM, wenn es wieder heißt: Forca Portugal - dann hoffentlich ohne Ronaldo.

Mei, und was bleibt zum Rest der WM zu sagen? Die afrikanischen Mannschaften schaffen es selbst auf eigenem Boden (mal wieder) nicht, einen auch nur annähernd effektiven Fußball zu spielen. Der Defensivfußball feiert ein unansehnliches Comeback, selbst grundsätzlich sympathische Mannschaften wie Uruguay machen mit hauptsächlich desktruktivem Spiel auf sich aufmerksam. Das macht es schwer, 90 Minuten oder noch länger mit Begeisterung vor dem Fernseher zu verweilen. Generell war der Wettkampf bisher weitgehend begeisterungslos, trotz des üblichen "Wir sind hoffentlich bald Weltmeister"-Fahnenmeers in Deutschland. Am Ende werden es wohl Deutschland, Argentinien, Brasilien und Spanien unter sich ausmachen. Gekrönt wird das ganze dann von absurden Schiedsrichterentscheidungen und Erzreaktionären wie Günter Netzer, die dem Fußball durch einen möglichen Videobeweis die Seele geklaut sehen. Seltsame Meisterschaft diesmal.