22. April 2010

Kindersicher

Rund zwei Monate vor der Geburt unseres Sohnes bekomme ich derzeit meist folgende zwei Dinge zu hören: "Habt ihr schon alles vorbereitet?" und "Schlaft euch noch mal gut aus!". Letzterer Tipp ist zwar gut gemeint, in Ermangelung eines individuell befüllbaren Schlaf-Kontos aber nur schwer zu verwirklichen. Die Frage nach der Vorbereitung hingegen zielt heute neben den üblichen Säuglings-Tools meist auch auf Living 2.0-Features wie eine eigene Webseite sowie die Bestellung der Erst-Notebooks ab. Die Webcam über dem Kinderbettchen ist ebenso montiert, der Twitter-Feed für die ersten Versuche mit den Patschhändchen eingerichtet. Nicht selten ertappe ich mich bei dem Gedanken, ob sich mein Sohn ohne GPS überhaupt noch zurechtfinden wird und ob er ohne 365/7/24-UMTS-Verbindung wohl Harakiri begehen wird. Aber schau' mer mal, vielleicht spielt er ja wider Erwarten doch mal mit Bauklötzen oder geht in den Park Indianer und Cowboy spielen.

Bis dahin bin ich über jede Person in unserem Freundeskreis dankbar, die mich nicht nur als werdenden Vater betrachtet sondern mich mit dem ganz normalen Unsinn bequatscht, der im Alltag eben so passiert. Als besonders unsinnig empfinde ich derzeit die Internet-Debatte, die mit Google Street View oder Facebook als neue Bösewichte jede Woche eine neue Sau durchs Dorf jagt. Auch die Sicherheits-Branche lässt es sich nicht nehmen, jegliche Webaktivität (das Führen einer Wunschliste bei Amazon, die Datensicherung über ein Online-Backup) als an Suizid grenzende Leichtsinnigkeit zu brandmarken. Unverschlüsselt E-Mails zu verschicken ist in den Augen der Bedenkenträger eh Wahnsinn. Ich frage mich manchmal, wie die Sicherheitsfanatiker im letzten Jahrhundert Ihre alltägliche Kommunikation erledigt haben. Abhörsichere Telefone? Selbstzerstörende Briefpost? Chiffrierte Funk-Meldungen? Oder gab es früher einfach weniger Geheimnisse? Fragen über Fragen.

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