11. Januar 2010

Afrika-Experten in weißen Trikots

Vor der Fußball-WM schlechte Nachrichten aus Afrika: Bei einem Rebellen-Überfall in Angola auf den Bus der togolesischen Nationalmannschaft gab Tote. Das geschockte Team sagte seine Teilnahme am gestern gestarteten Afrika-Cup ab und reiste nach Hause zurück. Die Fußballer-Kollegen aus Deutschland zeigen Mitgefühl, äußern aber zugleich Befürchtungen: "Gerade jetzt denkt man besorgt daran, dass in vier, fünf Monaten in Afrika die WM stattfindet." Recht hat er, der Simon Rolfes. In Afrika findet die WM statt, um genau zu sein im Staat Südafrika. Der jetzige Übergriff ereignete sich in einer Exklave Angolas, rund 3.000 Kilometer entfernt von Kapstadt. Gut, die Sicherheitsstandards in ganz Afrika sind vielleicht nicht mit dem in ganz Europa zu vergleichen, trotzdem hätte Rolfes wohl kaum Bedenken hinsichtlich der WM in Deutschland gehabt, wenn im Kosovo oder in der Osttürkei eine Fußballmannschaft attackiert worden wäre. Sein Teamkollege Philipp Lahm bleibt – empirisch abgesichert – aber ganz ruhig: "Ich war schon in Südafrika. Mir ist dort nichts passiert." Puh, also doch alles nur halb so schlimm!

Relativ wenig bis gar nichts liest man hingegen in den Medien zu den Hintergründen des Anschlags. Irgendwelche durchgeknallten Rebellen halt, die mal wieder auf den Putz hauen wollten. Wahrscheinlich Kindersoldaten, die von Drogen zugedröhnt eigentlich noch eine Massenvergewaltigung auf dem Plan hatten. Dass die von den beiden Kongo-Staaten umschlossene angolanische Exklave Cabinda ein Produkt der (Ent-)kolonialisierungs-Wirren ist, findet bei den wenigsten Berichterstattern Erwähnung. Seit 1963 tritt die "Front für die Befreiung der Enklave Cabinda" (FLEC) für die Unabhängigkeit des Landstrichs ein, der nicht einmal halb so groß ist wie Thüringen. Unterstützt wurden die Kämpfer von der angolanischen UNITA, den Verlieren des angolanischen Bürgerkriegs. Die wiederrum bis in die Neunziger von den USA im Kampf gegen die marxistischen Bösewichte aufgepäppelt wurden. Nachdem dieser Geldhahn zugedreht wurde, hörte man auch von FLEC relativ wenig. Bis vor drei Tagen.

Dabei haben die Angreifer gezeigt, dass sie so rückständig nicht sind und durchaus laute Töne beim Aufscheuchen der internationalen Öffentlichkeit anschlagen können. Denn wenn es um die Sicherheit unserer Jungs mit Ball irgendwo in Afrika geht, ist mit hoher Aufmerksamkeit zu rechnen. Ein Wunder, dass bisher noch nicht mehr Aufständler auf die Idee gekommen sind, ihren Anliegen durch ein paar MG-Salven auf Fußballer Ausdruck zu verleihen. Dann wird man in den Medien wieder mehr aus dem Herzen der Finsternis hören. Kongo, Angola, Kenia, Südafrika – egal. Afrika ist dunkel und bedrohlich, das Grab des weißen Mannes. Dass in den meisten Gräbern mit freundlicher Unterstützung der westlichen Waffenindustrie die Gebeine von Millionen Afrikanern liegen, ist dann nur noch sekundär. Hat ja auch nichts mit Fußball zu tun.

Update 15.01.10: Da bin ich ja fast ein wenig stolz, dass Bartholomäus Grill in der ZEIT vom 14.01. ganz ähnlich argumentiert.

Keine Kommentare: