2. Dezember 2009

Mit heißer Nadel

Als Redakteur bei einem Printmagazin ist es eine risikoreiche Sache, über die Druckfehler anderer Zeitungen zu lästern. Bei der achtseitigen "Primetime"-Ausgabe der Sueddeutschen Zeitung, die abends an Bord von Lufthansa-Maschinen verteilt wird, kann ich es mir aber nicht verkneifen. Es beginnt auf Seite 4, wo über die Verteuerung des Airbus-Militärtransporters A400M berichtet wird, dessen Stückpreis (!) sich laut SZ von 20 auf 27,4 Milliarden Euro erhöht hat. Eine kurze Recherche ergibt, dass diese Summe sich auf die Gesamtheit aller 180 bereits georderten Flugzeuge bezieht. Ein Stück kostet also rund 150 Millionen. Naja, ist ja nur ein Unterschied von knapp 27.250.000.000 Euro. Da kann man sich schon mal vertun. Dass sich die Primetime-Leute mit Zahlen schwer tun, zeigt ein Blick auf die Wettervorhersage: Wüstenklima in Ostbayern am 2. Dezember.

Und noch ein Nachtrag zur Politik: Die APPD schlug ja mal vor, Deutschland in Bevölkerungs-Zonen einzuteilen. In dem einen Gebiet leben nur saufende Hartz-IV-Empfänger, im anderen redliche Manager-Typen und im nächsten knüppeln sich Antifa-Kids und Neonazis von früh bis spät. Dass so eine Einteilung keine Illusion sein muss, zeigt derzeit die Schweiz und bietet sich xenophoben, engstirnigen Kleinbürgern mit Hang zur Abschottung und Erbsenzählerei als neue Heimstatt an. Bei drei Minaretten im Land ist das Fass voll. Also, alle die von den bösen Moslems schon lange die Schnauze voll haben, ab in die Schweiz. Bravo, Helvetia!

26. November 2009

Fritz und Horst

Die meisten Unternehmen zeigen bei der Benennung ihrer Produkte ja in den wenigsten Fällen Fantasie oder gar Humor. Gerade in der IT heißt ein Switch oder ein Netzwerkspeicher dann schlicht mal XDW-23453-YI. Dass es auch anders geht, zeigen die Jungs von D-Link, die ihre neueste Modem/Router/Telefonanlagenkombination mit viel Ironie und Blick auf den großen Mitbewerber von AVM einfach HorstBox getauft haben. Das nenne ich mal ein gelungenes lokales Marketing zum Schmunzeln. Sicherheitshalber hat D-Link dem Gerät aber auch eine herkömmliche Bezeichnung gegeben, so dass humorlose IT-Nerds auch das DVA-G3342SD bestellen können.

10. November 2009

Anzug kills the dirndl star

Genau zwei Monate Blogpause reichen! Die erste Verzögerung stellte die Fertigstellung unserer neu bezogenen Wohnung dar. Mittlerweile ist bis auf zwei Lampen, einen Vorhang und ein paar Bilder alles fertig und ich bin um die Erkenntnis gereift, dass Nadja besser mit einer Bohrmaschine umgehen kann als ich. Der zweite Aufschub war der Bundestagswahl geschuldet, der mich in eine politische Schockstarre versetzte. Mittlerweile habe ich auch diese überwunden und genieße die Freiheit, nun wenigstens alle Schandtaten klar verantwortbar in schwarz-gelbe Schuhe schieben zu dürfen. Nach weiteren kleinen Intermezzi wie dem Freifalltest eines Notebooks, den anschließenden Reparaturmaßnahmen, Besuch aus Kanada, viel Aufregung in der Familie, einer Menge Arbeit und der Übernahme als Redakteur im Job sind mittlerweile wieder genug Gedanken vorhanden, um diesen Blog zu füllen.

Beginnen möchte ich die Wiederaufnahme mit einem Nachruf auf meinen geliebten sandfarbenen Cordanzug. Auf IT-Kongressen, in denen Heerscharen von schwarzen und grauen Anzügen die Flure und Ausstellungshallen bevölkern, verschaffte mir das Kleidungsstück zumindest einen Hauch von Individualität. Sein Leben gab er in der chemischen Reinigung hin, aus dem hier und jetzt katapultiert durch einen explodierenden Kugelschreiber. Der wohl *räusper* aus meiner Anzuginnentasche stammte und außerdem fünf Dirndl mit in den Tod riss. Passenderweise ein letzter Aufschrei der Individualität gegen den Dirndl-Wahn ultraschicker Schwabinger Mädel, von denen ganz sicher einige CSU-wählend dem letzten roten Bayerns, Axel Berg, das Bundestagsmandat München Nord unter dem Arsch weggezogen haben.

Desweitere versuche ich gerade, einen (fast-)alkoholfreien Monat zu meistern und jogge ab und an um den leergelaufenen Olympiasee. Nadja hat mich nach gut zwei Monaten immer noch nicht rausgeschmissen, was ja an sich gar kein schlechtes Zeichen ist. Die Brunnen sind eingemottet, die Blätter fast alle ab, und die Eishockeysaison ist in vollem Gange und ich habe praktischerweise nur 10 Minuten zu Fuß ins Stadion am Oberwiesenfeld. Gelesen habe ich neulich – wie gewohnt antizyklisch viel zu spät – den schätzingschen Roman "Der Schwarm". Sein neues Werk, das im Karstadt sogar an der Kleiderkasse ausliegt, lasse ich wohl aus. Technisch gut und spannend, echtes Leben haucht der Autor seinen Figuren auf knapp 1.000 Seiten jedoch nicht ein. Die Hollywood-Verfilmung ruft. Und hier regelmäßig bald wieder mehr.

10. September 2009

Angekommen

Nach einem Monat Funkstille melde ich mich dann mal wieder zu Wort. Renovieren und Umziehen ist immer wieder anstrengender als gedacht. Dafür ist das gröbste Chaos beseitigt, lediglich ein Meer aus Umzugskartons im Wohnzimmer erinnert daran, wieviel Material sich im Laufe der Jahre so ansammelt. Außerdem bin ich jetzt per Du mit Billy, Benno und Bestas. Internet mit 1,5 MBit/s rockt. In Anbetracht von VDSL aber schon lange nichts mehr zum rumposen.

Doch noch einmal zurück zur Bewegung: Der Schriftsteller Bruce Chatwin war ja ein großer Fan des Nomadentums, richtete sich in seinem Londoner Appartment auch entsprechend sporadisch ein und thematisierte die wandernde Lebensweise in vielen seiner Bücher. Angeblich schreien Kinder von klassischen (mittlerweile so gut wie ausgestorbenen) Nomadenvölkern weniger als der Nachwuchs von sesshaften Menschen. Immerwährendes Reisen als natürliche Lebensform. Das geht mit Schrank Pax natürlich nicht.

Dafür wohnen wir schön im Grünen, mit dem Olympiaturm in Sichtweite. Zur Wohnungsgestaltung suche ich übrigens ein Olympiaplakat von 1972. Sind leider selbst antiquarisch nur schwer zu bekommen. Wer was weiß, bitte melden!

13. August 2009

Sommerfreuden

So wünsche ich mir dir warme Jahreszeit. So grün, so sonnig, so ruhig, so entspannt. Ist leider viel zu selten genau so.

12. August 2009

Spachtelmasse

Zu erschöpft, um mir etwas Vernünftiges einfallen zu lassen. Wer wissen will, was ich die letzten 10 Tage so getrieben habe, schaut am besten hier nach...

29. Juli 2009

Rest in peace

Der Link ist zugegebenermaßen nicht sehr innovativ, da schon auf jetzt.de vorgestellt. Trotzdem: Der Macher von opacity.us präsentiert fantastische Aufnahmen verlassener Gebäude und Ruinen, gerade die Bilder verfallender Krankenhäuser und morbider Sanatorien haben mich besonders fasziniert. Ich will gar nicht zu viel hineininterpretieren, denn auch der Autor verzichtet dankenswerterweise (von der Bildbenennung und kurzen Hintergrund-geschichten abgesehen) auf zuviel emotionalen Ballast. Wer wie ich in alten, aufgegebenen Bauten angesichts der bröckelnden Umgebung schon öfter mit viel Hingabe Gedanken an das "Davor" verloren hat, sollte sich die Fotografien schleunigst ansehen.

24. Juli 2009

Von Schwalben und DVDs

Huch, schon fast ein Monat ist seit dem letzten Blogeintrag vergangen! Wenn sich da meine Leserschaft mal nicht (von 20 auf 10) halbiert hat! Wie schnell die Zeit doch in einem verregneten Sommermonat vergeht. Eigentlich wollte ich was über die Mauersegler schreiben, Akrobaten des Luftraums, die sogar in der Luft schlafen, uns morgens und abends mit ihrem Gequietsche erfreuen, leider aber schon Ende Juli wieder ins Winterquartier nach Afrika ziehen. Doch noch schneit's ja nicht und deswegen hebe ich mir meine Depri-Gedanken bis nach der Wiesn auf. Wer bis zum nächsten vernünftigen Blogeintrag unbedingt etwas von mir lesen möchte, kann sich ja mal meine Mini-Filmkritiken reinziehen, die übrigens auch immer unter dem Link in der rechten Spalte abrufbar sind.

26. Juni 2009

Bis zuletz(t) das Netz

Also die Twitter-User, die massenhaft ihre Bestürzung über den Tod von Michael Jackson ausdrücken und dabei den Online-Dienst kurzzeitig zum Absturz bringen, verstehe ich ja noch am ehesten. Schwerer fällt mir das schon bei den Wikipedia-Geeks, die sich Minuten nach dem Ableben des Sängers daran zu schaffen machen, dessen Eintrag akribisch-korrekt zu ergänzen. Denen aber - wie immer in der ach so coolen Netzgemeinde - schlaumeierische Besserwisser gegenüber stehen, welche die Änderungen als 'unbewiesen' kennzeichnen. In diesem Zusammenspiel gehen dann natürlich auch die Wikipedia-Server kurzzeitig in die Knie.

Ganz flott sind naturgemäß auch die Cyberkriminellen, die mit gefakten Nachrichten und Videos zu angeblichen Enthüllungem um Jacksons Tod den Surfern mal schnell ein paar tausend Trojaner mehr unterjubeln wollen. Was mir wenige Stunden später in der Redaktion wieder einen Adrenalinschub verpasst, da jetzt ständig Pressemitteilungen von scheinheiligen Sicherheitsanbietern eintrudeln, die nun auch noch auf der Newswelle mitreiten wollen und schon ganz tolle Schutzmaßnahmen gegen die ach so pietätlosen Virenschleudern entwickelt haben. Innerhalb von 24 Stunden ist alles abgefrühstückt und jeder hat einmal mehr die Klappe zu etwas aufgemacht, wozu er vielleicht besser einfach mal geschwiegen hätte. Und das Schlimme: Ich mache den gleichen Fehler.

Wenn es irgendwann doch noch mal einen Atomkrieg geben sollte, weiß ich schon, wie die Leute sterben werden:
Die einen eingeloggt in ihrem Twitter-Account, die anderen schreiben bei Wikipedia gerade das Schlusskapitel zu Atomwaffen, finstere Gestalten tüffteln am ersten Megavirus für das rudimentäre Nach-Internet, und schicke PR-Tanten rinnt der Schweiß von der Stirn, weil sie bei alledem ihren Auftraggeber noch gut verkaufen müssen. Die Archäologen der Zukunft werden unsere Asche aus Tastaturritzen kratzen.

24. Juni 2009

Feuchte Leinwand

Zum aktuellen Wetter möchte ich mich nicht äußern, außer dass es mich in letzter Zeit recht oft ins Kino getrieben hat. Hier ein paar Gedanken zu aktuellen Filmen, die auch nichts dafür können, dass es im Lichtspielhaus ob des Dauerregens zur Zeit meist unangenehm nach nassem Hund riecht.

Che - Revolución
Erster Teil der von Soderbergh recht akribisch verfilmten Hommage an den Revolutionsführer. Der Film verzichtet zwar auf Pathos, verweigert aber fast immer auch jedwedes kritische Hinterfragen. So eine Art Che-Doku, bloß der neutrale Sprecher aus dem Off fehlt. Revolutionsfans dürfte die Machart zu unemotional sein, Konservativen wohl zu linkskonform. Wer sich daran nicht stört, erhält alle mal eine annehmbare Geschichtslektion, gestützt von einem fantastisch agierenden und dem Original sehr ähnelnden Benicio del Torro. Ein großes Minus für die deutsche Synchronisation, dies es geschafft hat, einer stimmgewaltigen Figur wie Fidel Castro ein absolut unpassendes Weichei-Organ zu verpassen.

Terminator
Krachendes Actionspektakel, bei dem auch pazifistisch angehauchte Gutmenschen wie ich politisch korrekt den mentalen Trigger durchdrücken können. Es geht ja schließlich nur um Maschinen, und denen tut es ja nicht weh, wenn sie nach allen Regeln der Kunst zerlegt werden. Trotz diverser Kritiken am Endzeitszenario (langweilig) und der Schauspielkunst von Christian Bale (gelangweilt), fand ich beide nicht schlecht und dem Genre angemessen. Bei dem offenen Ende frage ich mich allerdings, in wie viele Serienmovies der Mime nach Batman noch einsteigen will.

Alle anderen
Stark gehypter Identitätsstreifen für die Generation 30+, die zwischen Sinnsuche und Arrangement, Anpassung und Rebellion schwankt. Sehr gut gefallen haben mir die beiden Hauptdarsteller: Sie agieren und reden so, wie ich es von vielen Paaren aus meinem Bekanntenkreis kenne. Die analysierenden Gespräche und das Sezieren der Beziehung, die Suche nach Liebe, die vielleicht nur eine eingebildete ist - all das echte Fragen, die mir allerdings trotz der schauspielerischen Leichtigkeit oft allzu bedeutungsschwer und symbolisch rüberkamen. Trotzdem, ein sehenswerter deutscher Film, der verwunderlicherweise in einer Stadt wie München gerade mal in zwei Kinos läuft.

15. Juni 2009

Verhütung durch Bodycheck?

















Wunder des Webs: Der Werbebanner ganz oben auf der Homepage der Eishockey NEWS passt inhaltlich vorzüglich zur angepeilten Zielgruppe. Noch wirkungsvoller ließe sich die rosa Anzeige nur noch auf einer Seite zum Baumstammwerfen oder Wettfurzen unterbringen...

9. Juni 2009

Choose your doc!

Einerseits gibt es Ärzte, die in ihrer Praxis wirken wie ein Fremdkörper. So als hätte man das Dach aufgeschraubt und den Doktor mit einem großen Kran ins Sprechzimmer gehievt. Dort sitzt er dann wie ein Sultan auf dem goldenen Thron, versorgt von seinen Lakaien, den Sprechstundenhilfen, und empfängt wohlmeinend seine Patienten. Deren letzten Besuch und Namen er schon wieder vergessen hat, so dass er erst einmal ausführliche die Akten lesen muss. Er weiß wahrscheinlich nicht mal, wo sich in seiner Praxis das Klo befindet, und persönlich ans Telefon gehen würde er niemals.

Andererseits gibt es Ärzte, die in ihrer Praxis wirken wie daheim. Man kann sich nicht sicher sein, ob der Doktor den weißen Kittel wegen seines Berufes trägt, oder weil er in der Küche gerade einen leckeren Snack zubereitet. Er weiß, wo auf dem Empfangstisch die wichtigsten Unterlagen und vielleicht sogar Briefumschläge zu finden sind. Er geht kollegial mit den Sprechstundenhilfen um, beantwortet auch einmal selbst das Praxistelefon und kann vielleicht sogar mit dem Computer umgehen. Er ist freundlich und versucht, sich auf die Ebene der Patienten zu begeben, die er ohne Rücksicht auf deren Versicherungsstatus behandelt.

2. Juni 2009

Am Sarazenenturm

So, bin wieder aus dem heißen Sardinien zurück, wo zu meiner Überraschung das Mittelmeer schon Mitte Mai mit Badetemperatur aufwarten konnte. Auch die blühende Macchia-Landschaft war lebhafter als gedacht, was leider auch auf die einheimische Mückenpopulation zutraf.

Im Steno: Was wir vom Süden der Insel gesehen haben, war abgesehen von den typisch italienischen Industriefreveln herrlich unbebaut und wenig bevölkert. Das Wasser glasklar und durchdringend türkis, die Strände feinsandig hell, fast mit karibischem Flair. Die Pizza ist besser als auf Sizilien, der Rest des Speisekarte eher einfallsloser als auf dem Festland. Die Insellage mitten im Mare Nostrum macht zudem alles etwas hochpreisiger, nur das Bier ist immer noch billiger als in Deutschland. Und die Einheimischen kamen mir trotz nachgesagter sardischer Verschlossenheit eher freundlicher und offener vor als ihre sizilianischen Inselnachbarn.

Wobei ich sagen muss, dass unser Stützpunkt auf dem kleinen Eiland Sant'Antioco im Südwesten der Insel wohl eher Sardinien-untypisch war: Die Landschaft nicht ganz so spektakulär schön wie der Rest Südsardiniens, dafür aber mit stimmungsvollen Fischerstädtchen wie Sant'Antioco und Calasetta, die sonst auf dem ins Landesinnere gekehrten Sardinien eher selten sind. Der Meerblick hat mir bei der Ferienwohnung doch etwas gefehlt, dafür gab es mitten im Grünen wundervolle Gerüche, die am Morgen, mittags und am Abend jeweils ganz anders wahrnehmbar waren.

16. Mai 2009

Farbtupfer

Als ich neulich auf meinem MP3-Player (kein iPod) den Song "Beautiful Day" von U2 hörte, kam mir - zugegebenermaßen nicht gerade optimistisch denkend - in den Sinn, dass ja nicht unbedingt jeder Tag ein wunderbarer ist. Keine Angst, es wird eine lustige Geschichte: In meinem letzten Leben als Mädchen für alles in einer Hausverwaltung hatte ich eine Zeitlang eine Kollegin, die als Bürokraft hier und dort aushalf. Die Frau war blond und sehr klein. Meiner Erfahrung nach stehen kleine Frauen oft auf besonders große Männer und fahren entweder Motorrad oder ein großes, buntes Auto. Wie das bei der Bürohilfe mit dem anderen Geschlecht war, weiß ich nicht genau, auf jeden Fall ließ sie mich als Semi-Zwerg links liegen, was meine These zumindest nicht entkräftet. Mit dem Auto lag ich aber goldrichtig, sie fuhr nämlich einen grellgelben Sportwagen, ich glaube es war ein BMW.

Nun, besagte Dame hatte einmal einen nicht so "beautiful day": Sie kam morgens ins Büro und stellte ihren Wagen auf dem Parkplatz im Hinterhof ab. Im dritten Stock des angrenzenden Gebäudes wurde gerade eine Wohnung renoviert und Bauhelfer Ibrahim war zu faul, die Farbeimer durchs Treppenhaus zu tragen und zog sie lieber an einem Seil an der Fassade hoch, um sie dann durchs Fenster zu hieven. Man ahnt, was kommen musste: Ein 10l-Eimer entriss sich dem Strick, segelte durch den lauen Herbstvormittag und explodierte auf dem Hofboden direkt neben, nun ja, dem Sportwagen. Dessen linke Seite und Unterboden schlagartig die Farbe von gelb zu weiß wechselte. Die kleine Frau sah nach dem Knall fassungslos aus dem Fenster, stürmte durch das Treppenhaus in den Hof, starrte mit weit aufgerissenen Augen auf ihren Boliden, setzte sich verzweifelt auf eine Stufe und stammelte leicht wimmernd nur folgenden Satz hervor: "Was ist das doch für eine Scheiß-Kotzi-Welt".

Mit dieser lauen Anekdote verabschiede ich mich in den Urlaub, um dort auf Empfehlung eines in diesem Blog recht aktiven Kommentators bedeutend ruhiger zu werden. Diesmal geht es nach Sardinien, wo wir im Südwesten auf einer kleinen Insel vor der großen Insel bis Ende Mai versuchen werden, ohne Internet und Telefon zu leben.

14. Mai 2009

So viel Zeit muss NICHT sein

Also ich bin ja ein großer Fan der ZEIT. Aber wenn die Wochenzeitung aus Hamburg noch einmal so eine Werbebeilage wie jetzt in eine aktuelle Ausgabe packt, bin ich die längste Zeit Abonnent gewesen. Die besagte Beilage ist ein Mini-Magazin und nennt sich "ELITE REPORT extra". Wer bei dem Titel noch nicht kotzen muss, tut dies spätestens im Editorial mit dem Titel "Fragile Zeiten für Ihr Vermögen", das mit folgendem Satz beginnt: "Die anhaltende Krise und die maßlose Enttäuschung bei vielen Vermögenden mündet in eine nie dagewesene Hilflosigkeit". Geschrieben unter anderem vom "Geschäftsführenden Redakteur", wohlgemerkt auch im Satz mit großen "G".

Das Heftchen richtet sich also an Vermögende. Denen es jetzt leider - au weia- so richtig schlecht zu gehen scheint. Das Depot ist gefallen, die Zertifikate gehen auch nicht auf und die Anleihen versprechen leider nicht den Gewinn, der zum Kauf des Dritt-SUV nötig gewesen wäre. Im Heft ein echter Anachronismus: Die Herren Anlageberater tragen auf jedem Portraitfoto Krawatte. Da heute jeder noch so reaktionäre CSU- Ortsvorsitzende ohne Schlips auf dem Wahlplakat posiert, sollte uns dies nachdenklich machen. Politikern glaubt man ohnehin nichts mehr, ob mit oder ohne Krawatte. Das haben die Jungs gemerkt und schnüren sich den Hals nur noch dann ein, wenn es unbedingt nötig ist. Die Herren Vermögensberater scheinen jedoch auf dieses Accessoire nicht verzichten zu können, denn ohne sieht ja irgendwie komisch und unseriös aus. Wo doch das Finanzgebaren dieser Branche in den letzen Jahren so seriös war.

Man merkt es schon: Ich werde polemisch. Da habe ich im Moment auch richtig Lust drauf. 60 Seiten, von geföhnten Arschlöchern geschrieben für Leute, die nicht wissen, wohin Sie ihre Kohle stecken sollen, jetzt wo dummerweise die Grenzkontrollen zur Schweiz auch immer härter werden. So einen Bullshit will ich in der ZEIT nicht mehr haben. Sonst klingelt's. Morgen rufe ich beim Leserservice an. Ich weiß, ich werde halbstark und vulgär, und deswegen will ich auch dementsprechend schließen: Gut dass ich dieses Kackbeilage auf dem Klo gelesen habe.

21. April 2009

Galopp auf Station 6


Man sieht sich im Leben ja immer zwei Mal.
Die lustigen Essens-Karten im Klinikum Rechts der Isar, deren Bekanntschaft ich Ende Februar machen durfte, ähneln in frappierender Weise den alten Wettscheinen beim Pferderennen in Riem. Dasselbe Format, die gleichen rechteckigen Felder, die man mit dem Kuli ganz ausmalen musste. Die Karten wurden dann in den so genannten "Totalisator" gesteckt, wohl der Vorläufer eines zentralen Servers, der dann anhand der abgegebenen Tipps die endgültigen Quoten berechnete. Auch damals ging es um Chancen, Risiken, Enttäuschung und Freude, und man konnte nie so genau wissen, wie das Rennen ausging.

20. April 2009

Warten auf den Spielverderber

Schön, dass es offenbar immer jemanden gibt, der sich auf dem internationalen Parkett freiwillig zum Deppen der Weltdiplomatie macht. So derzeit wieder einmal Irans Präsident Ahmadinedschad, der den westlichen Regierungen eine Steilvorlage nach der anderen liefert, um an der Seite der Castro-Brüder und Hugo Chavez verbissen seine Position als Rechtsaußen der Staatengemeinschaft zu verteidigen. So weit so klar. Dass bei dem Iraner wohl nicht nur eine Großmannssucht-Schraube zu fest angezogen ist, dürfte auch den meisten Politik-Laien offensichtlich sein.

Trotzdem lohnt es sich, einmal genauer hinzuhören: Im Kern hat Ahmadinedschad (neben den gewohnten Holocaust-Relativierungen) Israels Regierung als rassistisches System gegeißelt. Einen Staat der – und das bezweifeln wohl nur noch glühende Israel-Freunde – einen ethnisch-religiösen Teil seines Volkes nach und nach enteignet und von demokratischen Wahlen fernzuhalten versucht. Dieser Vorwurf des Rassismus bewog die meisten Delegierten der Anti-Rassismus-Konferenz der UNO dazu, den Saal zu verlassen. Es stellt sich die Frage, was passieren würde, wenn Deutschland Staatsbürger türkischer Herkunft enteignen würde und das Wahlrecht entzöge. Ob dann nicht doch der eine oder andere Drittstaat oder das eine oder andere Medium mit dem Rassismus-Vorwurf hantieren würden.

Beim Formulieren solcher Gedanken macht sich mir ein flaues Gefühl in der Magengrube breit. Wissend, dass mir der Großteil einer Nazi-Demo mit umgehängten Palästinenser-Tüchern wohl zustimmend auf die Schulter klopfen würde. Trotzdem hat die oben formulierte Frage meiner Ansicht nach ihre Berechtigung. Wer die Spirale ewiger Gewalt durchbrechen will, sollte den Mut haben, eine ehrliche Bestandsaufnahme zuzulassen. Und dass die gegenwärtige israelische Politik wenig Hoffnung auf Verständigung lässt, müssten eigentlich auch die Gesandten wissen, die als erste empört von ihren Sitzen aufgesprungen sind.

19. April 2009

Hauptfriedhof Mainz


Bildbearbeitung kann jeder, ich weiß. Es ist aber trotzdem eine gute Möglichkeit, um aus kleinen Handycam-Bildern mit leichter Unschärfe noch etwas Interessantes zu machen.

30. März 2009

Zeitsprung

Ein witziger, schon etwas älterer Text zum Thema Zeitumstellung findet sich im Blog von Fabian Siegismund. Die dort beschriebene, zwei mal im Jahr auftretende Verwirrung konnte mein gestriges Erlebnis noch toppen, als ich kurz nach dem Aufstehen und dem Vordrehen meiner Armbanduhr die U-Bahnstation Kolumbusplatz betrat. Dort hatte es der MVV geschafft, sämtliche Uhren um rund zweieinviertel Stunden vorzudrehen. Ein lustiger Anblick, wenn der gesamte Bahnsteig von Uhr zu Uhr blickt und der sonst so zuverlässigen Bahnhofsuhr nicht mehr trauen will. Vielleicht hat der Rücktritt von Mehdorn ja auch etwas mit dieser Schmach zu tun.

17. Februar 2009

Bitte zurückbleiben!

Ich finde, die Menscheit lässt sich (zumindest in Weltregionen mit einem funktionierenden ÖPNV) in zwei Typen unterteilen: Die Renner und die Nicht-Renner. Beim leisesten Geräusch einer einfahrenden U-Bahn stürmen die Erstgenannten halsbrecherisch die Rolltreppe hinunter, teilen mit ausgefahrenen Ellenbogen todesmutig die lethargische Menschenmenge, um beim letzten Warnton noch schnell durch die sich gerade schließenden Türen zu springen. Geschafft! Nur einen Gedanken im Kopf, der alles beherrscht: Ich muss diesen Zug noch erwischen. Dass in zwei Minuten der nächste Anschluss am Bahngleis steht, spielt offenbar nur eine untergeordnete Rolle.

Ich frage mich immer: Wie kann das sein? Haben die Renner alle einen so wichtigen Termin, den sie nicht einmal um wenige Minuten, ja Sekunden, aufschieben dürfen? Hängt ihr Schicksal am Anschlusszug? Freuen sich die Eilenden so sehr auf die Ehefrau oder den Nachwuchs daheim? Bemühen sich Renner-Männer auch weiterhin penetrant um jede Frau, die ihnen einen Korb gegeben hat? Versuchen sie, auch eine längst verlorene Liebe von der Abfahrt abzuhalten? Kämpfen Renner stärker und länger gegen eine tödliche Krankheit an, wenn Nicht-Renner schon längst aufgegeben haben? Oder ist alles nur eine Sache des Augenblicks? Ist der sausende Zug nur deshalb das Wichtigste, weil sich sonst nichts zwischen den Ohren bewegt?

10. Februar 2009

Die See ruft

Es ist immer schön, einen bisher "unbekannten" Schriftsteller neu für sich zu entdecken. Ganz besonders klasse ist es, wenn es der Autor vermag, einen schon nach wenigen Seiten zu begeistern. Aktuell tut dies James Hamilton-Paterson und sein Buch Seestücke - Das Meer und seine Ufer. Eine Mischung aus Reisebericht, wissenschaftlicher Abhandlung und Prosa, in manchmal sehr poetischen Worten. Es ist schwierig, einzelne Absätze aus dem dichten Kontext zu reißen, ich will es jedoch trotzdem versuchen:
"Die See ist zu eng verknüpft mit Vergangenem, mit Sommerurlauben, einmal im Jahr Genossenem oder auch Liebesabenteuern, um einfach ein Ort wie jeder andere zu sein. Wir wühlen in einem Wintermonat im Schrank nach irgend etwas und stoßen statt dessen auf ein Paar Schuhe, aus denen Sand rinnt wie aus einem gesprungenen Stundenglas. Sofort werden wir von Erinnerungen überschwemmt. Wir hören beinahe draußen vor dem Fenster die Brandung in Wellen brechen, die über Felder und Großstadtstraßen gekommen sind, um uns zu finden."
Sensationell auch die fast schon fantastisch anmutende Passage, in der Hamilton-Paterson beschreibt, wie er sich in einer Vollmondnacht im Riff treiben lässt, um dessen Geräusche und Schwingungen besser wahrzunehmen. Bin schon gespannt auf seine anderen Werke, die auch alle in irgendeiner Weise vom Meer handeln.

3. Februar 2009

Bestätigte Wahrheiten

"Das ist kein Konzentrationslager, und die Einwanderer, die sich dort befinden, können jederzeit rausgehen, um Bier zu trinken."
Dieses Zitat von Silvio Berlusconi zur Lage der eingepferchten Afrika-Flüchtlinge auf Lampedusa bestätigt zwei meiner Italien-Thesen:
  • Südlich des Brenners geht man mittlerweile eher auf ein Bier als auf einen Wein.
  • Der italienische Regierungsschef ist und bleibt ein riesengroßes zynisches Arschloch.
Ach Italien!

27. Januar 2009

Parforceritt

Da mir gerade nichts innovativeres einfällt, das übliche Lob der ZEIT. Im Ruanda-Dossier von Bartholomäus Grill und Andrea Jeska erfahren wir, dass der zentralafrikanische Staat jüngst französisch als Amtsprache abgeschafft und statt dessen englisch eingeführt hat. Der endgültige Bruch mit der ehemaligen Kolonialmacht, die gegen Präsident Paul Kagame - sonst im Westen eigentlich recht angesehen - wegen diverser Unklarheiten einen Haftbefehl erlassen hat. Das Staatsoberhaupt tut dem Land wohl aber recht gut, zumindest die Hauptstadt Kigali prosperiert und ist laut einem dort tätigen rheinländischen Unternehmer "sauberer als Köln".

In Punkto Sauberkeit ist ja München auch nicht mehr das, was es einmal war, und unter anderem deshalb sieht sich die CSU bemüßigt, Alkohol in der U-Bahn zu verbieten. Neben den obligatorischen Sicherheits-bedenken geht es der bayerischen Fortschrittspartei nämlich um "Ästhetik und Sauberkeit öffentlicher Plätze". Wenn schon unbedingt etwas verboten werden muss, dann Online-Poker. Dann bleibt mir von meinem Volontärsgehalt vielleicht bald auch mehr übrig. Wie man bei Texas Hold'em mit Startblättern wie zwei Königen und kurze Zeit später zwei Assen verlieren kann, ist mir allerdings ein Rätsel. Das nicht mal die ZEIT lösen kann.

19. Januar 2009

Speedy Schwesterwelle

Eigentlich wollte ich ja auch was zur Hessen-Wahl schreiben, aber der Herr Kaliban hat die wichtigsten Erkenntnisse eigentlich schon zusammengefasst. Ergänzend möchte ich nur sagen, dass ziemlich beeindruckend ist, wie schnell es der Westerwelle bei Wahlerfolgen immer schafft, als erster Bundespolitiker ein TV-Statement abzugeben. Diesmal waren es glaube ich keine zehn Minuten nach der 18-Uhr-Prognose. Der Kerl muss fernguckend in der Maske sitzen, um dann mit erhobenen Fäusten und Siegerpose vor die nächsten Kameras zu rennen.

13. Januar 2009

Konsumhemnisse

Ich hätte nicht gedacht, dass man im digitalen Zeitalter noch aus einer Kundendatei herausrutschen kann. Wie ich gerade bemerkt habe, stellt mit Strato für eine aktuell nicht mit Inhalt bestückte Domain schon seit über zwei Jahren keine Rechnung mehr. Die Webseite steht und lässt sich sogar per FTP-Zugang warten. Lediglich in den Konfigurationsbereich des Providers komme ich nicht mehr. Hoffentlich geht Strato wegen mir nicht pleite. Soll ich mich melden, damit der Konsum nicht absackt?

Ob das neue Konjunkturpaket den Konsum vielleicht ankurbeln kann? Ich schließe mich ja nur ungern der Mäkelei der meisten Medien (und der FDP) an, aber ob eine einprozentige Steuersenkung, minimal geringere Krankenkassenbeiträge und eine Kinderprämie von 100 Euro (!) gerade Wenigverdiendende dazu veranlassen werden, mehr Kohle in den Wirtschaftskreislauf zu pumpen, wage selbst ich als wirtschaftspolitischer Vollpfosten stark zu bezweifeln. In neun Monaten wird man ja sehen, wie viele Paare von den koalitionärkoitalen Plänen begeistert waren.

6. Januar 2009

Hasta la victoria siempre!?

Ein gutes Neues. Außenpolitisch tut sich derzeit ja relativ viel, auch wenn man sich in Deutschland derzeit am liebsten mit Binnenthemen wie Pistenunglücken und selbstmörderischen Milliardären zu beschäftigen scheint. Der 50. Jahrestag der kubanischen Revolution hat eine Reihe erstaunlich guter Dokus ins Fernsehen gebracht. Besonder hervor tut sich hier mal wieder arte, die gestern einen schönen Beitrag über Gegenwart und Zukunft der sozialistischen Antilleninsel hatten, den man innerhalb der nächsten Woche auch noch online angucken kann.

Deutlich ratloser als die kubanische Revolution hinterlässt mich der aktuelle Konflikt im Gaza-Streifen. Auch wenn ich Bildern des Krieges generell nicht traue, weil diese nur allzuleicht maniupulierbar sind, treffen mich die Aufnahmen traumatisierter palästinensischer Familien schon sehr. Was nicht unerheblich daran liegt, dass meine Liebe und baldige Wohngenossin Nadja palästinensische Wurzeln hat und als Kind genauso wuschelig dunkelhaarig aussah, wie die vielen Kinder, die nun heulend durch die Straßen rennen. Der ewige Konflikt. Immer bis zum Sieg?