31. Oktober 2008

Fettfreies Gemüse im Hotelrestaurant

Geschäftsreisen sind schon eine feine Sache. Besonders absurd ist die Szenerie, wenn man abends im Hotelrestaurant sitzt und fünf anderen Typen dabei zuschaut, wie sie ebenfalls alleine am Tisch das Abendessen vertilgen. Der eine liest ein Buch, der andere schaut aus dem Fenster und der nächste der Kellnerin auf den Hintern. Ich blätterte dabei neulich in einer lustigen Zeitschrift, die ich auf meinem Zimmer gefunde hatte: Men's Health. Darin beschreiben die Autoren, welche Speisen gut (fettarm) und welche Speisen böse (fettreich) sind. Und empfehlen, das gegrillte Gemüse beim Italiener vor dem Essen doch notfalls mit der Serviette von überschüssigem Öl zu befreien. Im gleichen Heft ging es dann noch um einen durchtrainierten Bauch und Slow Sex. Wenn das heutige Männerideal aus Dauerrammlern mit Sixpack besteht, die ihr Gemüse vor dem Essen mit der Serviette abtupfen, braucht man sich um die Diskussion ob Softie oder Macho wirklich keine Gedanken mehr zu machen.

23. Oktober 2008

Man könnte, wenn man wollte













Wenn man wollte, könnte man derzeit ja über vieles diskutieren. Zum Beispiel darüber, ob Amazons Kindle wieder nur der nächste erfolglose Versuch ist, mit einem lieblosen Plastikbrett dem doch so angenehmen und praktischen Buch den Rang abzulaufen. Oder ob die Möglichkeit, Romane und Zeitungen jederzeit über das Telefonnetz zu beziehen, nicht doch eine ganz attraktive Komponente hat. Ob man das Ding als linksliberaler, humanistischer Wertkonservativer toll oder doof finden soll.

Man könnte auch darüber reden, warum der diesjährige Nobelpreisträger Le Clézio zwar in Frankreich sehr erfolgreich ist, hierzulande aber von doch eher unterschiedlichen Personen wie Marcel Reich-Ranicki, Sigrid Löffler und Harald Martenstein als "nicht gelesen", "langweilig" und "Tropenkitsch" klassifiziert wird und ob das etwas mit einer spezifisch deutschen Wahrnehmung von (großer?) Literatur zu tun hat.

Letztendlich wäre auch eine Analyse interessant, warum mir meine Gene so wenig Begeisterung für Design mitgegeben haben und mich die neueste Ausgabe des ZEIT-Magazins, in der es seitenweise um das Design von Stühlen geht, unglaublich langweilt. Wo doch die Frage viel interessanter wäre, warum wir ein bestimmtes Erscheinungsbild zu bestimmten Zeiten schick, zu anderen Zeiten aber altmodisch finden, und warum in diesem Zusammenhang sowohl die Brille mit dickem Rand als auch der String-Tanga anscheinend ihren modischen Zenit überschritten haben. Und ob es zwischen diesen beiden Objekten einen Zusammenhang gibt.

Ja, man könnte, wenn man wollte, aber Wörter quillen aus allen Ritzen, Blogs und Foren, und irgendwie hat man zum Schreiben gar keine Lust mehr. Oder gilt doch das alte Zitat von Karl Valentin?

"Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen."

20. Oktober 2008

Come away with me in the night

Von Norah Jones und ihrer künstlerischen Entwicklung mag man ja halten, was man will. Eins zumindest ist ihre Musik für mich: Typisch amerikanisch. Ihre Songs passen zu dunklen Pioanobars in New York, wohnzimmerähnlichen Coffeeshops in Seattle und zu in der Einöde von Kansas vor sich hin gammelnden Motels, deren bessere Zeiten es nur in der Fantasie ihres Betreibers jemals gegeben hat.

Die Melodien und Texte passen zur Weite des Landes, wo die Menschen anscheinend stets in der Furcht sind, bei so viel Erde die Liebe nicht zu finden und sie deshalb umso fester umschlossen halten, wenn sie einmal da ist. Vielleicht überzeichnen die Amerikaner deshalb so stark die Romantik und steigern sie bis ins Kitschige, weil sie wissen, dass ihr Land so unermeßlich groß ist, dass es einem leicht passieren kann, ohne eigene Schuld an der Liebe vorbeizulaufen.

3. Oktober 2008

Zeitschau














Es ist wieder einmal Zeit für eine meiner regelmäßigen Lobreden auf die DIE ZEIT, noch dazu, wenn die meiner Meinung nach besten Artikel der letzten Ausgaben auch online zu finden sind:

"Wir Eingeborenen" von Bartolomäus Grill, Zeit Nr. 38/2008

Der ehemalige Afrika-Korrespondent der Zeit nimmt in seinem Artikel den Begriff "Volk" unter die Lupe, was natürlich automatisch zu einer Auseinandersetzung mit einigen Kernfragen der Ethnologie führt. Dabei geht er fundiert und symphatisch auf einen der Überväter des Fachs, Claude Lévi-Strauss, ein. Zu Recht im Wissens-Teil der Zeit, und trotzdem leicht im Stil. Es scheint einfach nichts zu geben, was Grill nicht kann.

"Petrows Entscheidung" von Henning Sietz, Zeit Nr. 39/2008
Hierbei ist es weniger der Artikel selbst, als vielmehr der Aufmacher, der mich sehr fasziniert hat. Besser kann man das Gesamtbild aus Foto, Titel und Zwischentitel gar nicht gestalten. Wer einen Blick darauf wirft, muss den Beitrag einfach lesen. Ging zumindest mir so. Im übrigen ist mir nach etlichen Jahren Zeit-Abo das erste mal aufgefallen, dass die Rubrik nicht "Zeitläufe", sondern "Zeitläufte" heißt.

"Steinreich, bettelarm" von Andrea Böhm, Zeit Nr. 40/2008
Wer den Posten des Afrika-Korrespondenten mit der Rückkehr von B. Grill schon in Gefahr sah, wird durch die packenden Reportagen von Andrea Böhm eines besseren belehrt. Diesmal wagt sie sich auf die Diamantenfelder des Kongo. In diesem afrikanischen Staat war ich zwar noch nicht, meine Besuche in Nachbarländern wie Uganda erwachen durch Sätze wie diese jedoch gleich wieder sehr farbenfroh vor meinem inneren Auge:
"Die erste Nacht erlaubt wenig Schlaf. Weil es in Mbuji Mayi nur selten Strom gibt, wirft, wer es sich leisten kann, in der Dämmerung den Generator an. Zu diesem Brummton scheppert bis in die Morgenstunden Musik aus den Lautsprechern umliegender Bars. Wobei man sich Bars hier als Bretterverschläge mit grellbunten Reklameschildern der einheimischen Biermarken Primus und Skol vorstellen muss."