11. Januar 2008

Der Afrika-Meister spricht

Bartholomäus Grill setzt sich in der aktuellen ZEIT (leider nur in der Printausgabe, 03/2008 auf Seite 8) wieder einmal sehr kompetent mit dem Thema Afrika und insbesondere den Unruhen in Kenia auseinander:
"Analytiker sehen schon einen Stammeskrieg heraufziehen, dieser Begriff liefert eine jener wohlfeilen Erklärungen, die auf alle Konflikte in Afrika angewandt werden: Sie sind eben so, die Schwarzen, kaum dürfen sie frei wählen, schon schlagen sie sich die Schädel ein, so wie sie es immer schon getan haben. Jenseits dieser rassistischen Klischees ist allerdings die Frage durchaus berechtigt, ob demokratische Wahlen die ethnischen Gegensätze in Vielvölkerstatten verschärfen. Lässt sich die pluralistische Demokratie nach westlichem Muster so einfach auf Afrika übertragen? Kann man sie implementieren wie ein Impfprogramm? (...) Aufgestachelt von selbstsüchtigen Politiker gehen plötzlich Menschen aufeinander los, die bislang verträglich zusammengelebt haben. Besonders enthemmt sind die jungen, hungrigen, zornigen Männer, sie sehen sich durch den Wahlschwindel um ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gebracht. Der eigentliche Nährboden ihres Hasses ist also die Armut, nicht die ethnische Besessenheit."
Wie wahr. Mit der Bedeutung des letzten Satzes sollte sich (bei einer Erweiterung der Begriffe Armut und Ethnie) in der gegenwärtigen Debatte um Jugendkriminalität auch so mancher deutsche Politiker einmal genauer auseinandersetzen

Kommentare:

Groove Champion hat gesagt…

Das sind doch alles Analysen von vor'm Kamin, die Diagnosen - ob richtig oder falsch - sind sämtlich irrelevant hinsichtlich Lösung des Problems. Die westliche Demokratie ist z.Z. kein Exportschlager. Wenn es denn eine Lösung gäbe, wäre es wohl fraglich, inwiefern der Westen bereit wäre, Lösungen außerhalb unseres Wertesystems (z.B. 'gemäßigte' Diktaturen) dauerhaft zu sponsorn...

Lars hat gesagt…

Klar ist das alles theoretisch, in Anbetracht dessen, was sonst leider so oft über Afrika veröffentlicht wird, aber eben gute Theorie. Die praktische Seite zeigt eine äußerst empfehlenswerte Reportage im Dossier oben genannter ZEIT, die beschreibt, wie man sich am Beispiel Chinas dem afrikanischen Kontinent auch "unpolitisch" näher kann. Doch auch da tauchen sogleich alte Schablonen auf: Gleichwertige Partnerschaft oder neokoloniale Ausbeutung? Alles nicht so einfach.

Simon hat gesagt…

Ja, "kein Exportschlager" trifft die Sache gut :) Aber trotzdem: Grills Fetsstellung "der eigentliche Nährboden ihres Hasses ist also die Armut, nicht die ethnische Besessenheit" kann man nicht oftgenug wiederholen, denn das muss man m. E. berücksichtigen, wenn man über Konzepte für solche Kriesenherde nachdenkt.