18. Dezember 2007

They won't ever find us here

Mein Großonkel hatte eine Fabrik im Allgäu, nahe den Bergen, in der Webschützen hergestellt wurden. Es war ein großes Gelände mit hölzernen Lagerstadeln und graubeigen Fertigungshallen, mit nach Öl riechenden Kellern und geheimnisvollen Dachböden. Über den Werkbänken der Arbeiter hingen Kalender mit Bildern nackter Frauen. Das Grundstück grenzte an eine weitläufige Bundeswerkkaserne, und der üppige Gemüsegarten, dessen Himbeerstauden mir als Kind undurchdringbar wie der dichteste Dschungel erschienen, wurde an zwei Seiten von hohem Stacheldrahtzaun begrenzt und von meiner Großtante und meiner Oma jedes Jahr aufs Neue in ein hellgrünes, duftendes Sommerparadies verwandelt. Meiner Urgroßmutter, der die Zuckerkrankheit zu dieser Zeit noch nicht beide Beine genommen hatte, war es einmal gelungen, beim Gießen der Pflanzen einen Soldaten auf Patrouille von oben bis unten nass zu machen. Den Strom für seine Webschützenfabrik gewann mein Großonkel aus einer eigenen Turbine, ein rauschender Bach bahnte sich quer durch das Gelände, im Frühjahr trat der Kanal oft über die Ufer, einige Male wurden sogar Leichen angeschwemmt. Mein Vater fischte im Sommer ohne Angelschein nach Bachforellen, und wir Kinder standen Schmiere. Die gefangenen Fische schwammen dann noch für eine Gnadenstunde im Waschbecken der dunklen Fabrikhalle, die intensiv nach Sägespäne roch.

Ein großartiger Abenteuerspielplatz für Kinder. Zu jedem der bisher geschriebenen Sätze könnte ich Seiten schreiben. Gestern Nach hatte ich einen Traum. Die Fabrikhallen gab es nicht mehr, in eins der Lager war eine billige Kneipe eingezogen. Das Wasser des Baches floss nicht mehr, die Turbinen standen still. Fische schwammen mit dem Bauch nach oben im dunklen Nass. Der Oberlauf des Kanals, der sich früher durch eine bunte, stets ungemähte Wiese bis zu den Rechen des Kraftwerks wandte, war zubetoniert und dem Auge entzogen. Hinter den Fenstern der Wohnung meines Großonkel brannte Licht, es waren Schatten zu sehen, doch die Fenster blieben geschlossen.

Wenn man sich etwas Mühe gibt, kann man den heute brach liegenden Gemüsegarten bei Google Earth erkennen.

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